"KURIER"-Kommentar von Andreas Schwarz: Eine Abreibung für die Große Koalition

SPÖ und ÖVP bräuchten keine Umfragen mehr. Sie haben allen Kredit verspielt.

Wien (OTS) - Wahlkampfzeit ist Umfragenzeit. Diesmal ist die Neugier, wie sich das Debakel der Großen Koalition, der Führungswechsel in der SPÖ und der Koalitionsbruch durch die ÖVP auf die Wahl auswirken wird, besonders groß. Dabei hat der Wahlkampf -offiziell - noch gar nicht begonnen. Umfragen sind daher nur Momentaufnahmen, mit denen übrigens auch einiges Schindluder getrieben wird. Es gibt solche, die gar nie stattgefunden haben und als exklusiv veröffentlicht werden (das bleiben sie österreichweit dann auch). Und solche, die Parteien in Auftrag geben, um eine Botschaft zu senden. Wenn die ÖVP zum Beispiel fragen lässt, ob Gusenbauer und Faymann "Österreich in eine tiefe Krise geführt und lächerlich gemacht" haben (und eine Mehrheit ja sagt), dann ist die Basis für das berühmte "Es reicht" schon gelegt. Wenn sich die SPÖ bei einem ihr nahen Institut eine Umfrage wünscht, die die Partei plötzlich nur noch bei unglaubwürdigen 21 bis 23 Prozent hat, dann ist die Absicht und die Botschaft an die eigene Klientel auch klar:
Reißt euch z’samm, wir brauchen einen Ruck.

Frust Wirklich spannend sind Erhebungen, die den Wähler nicht für dumm verkaufen und einfach das Wahlverhalten sowie Persönlichkeitswerte und Inhalte abfragen. Und da bestätigt die vom KURIER in Auftrag gegebene Integral-Umfrage das verbreitete Gefühl für die momentane politische Lage: Frust. An der Neuwahl sind für die Bevölkerung beide Großparteien gleichermaßen schuld; und zwei Drittel der Österreicher sagen, SPÖ und ÖVP verdienen dafür eine Abreibung. Und weil ebenfalls zwei Drittel glauben, dass nach der Wahl ohnehin wieder nur eine Große Koalition raushüpfen wird, darf man sich ausrechnen und nachlesen, was das für die Wahlbeteiligung und den Zulauf zu den Protestparteien bedeutet. Den eigenen Absturz und das Erstarken von FPÖ und anderen hätten sich Rot und Schwarz in den vergangenen eineinhalb Jahren auch ohne Umfragen ausrechnen können. Mit Regierungsunfähigkeit da und Missgunst dort haben sie allen Kredit verspielt. Statt dessen werden sie jetzt tüfteln, wie der eine Spitzenkandidat sozialer und der andere kompetenter präsentiert werden kann, um am Wahltag doch noch die Nase vorne zu haben - auf niedrigem Niveau halt. Ob beide irgendwann aus Umfragen und Wahlergebnissen lernen? Die diesbezügliche Neugier dürfte sich beim Wähler mangels Glauben in Grenzen halten.

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