• 29.06.2008, 16:50:44
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Wiener Zeitung: Unterbergers Kommentar: Knittelfeld 02 statt Euro 08

Ausgabe vom 30. Juni 2008

Wien (OTS) - Die Euro 08 war kein Sommermärchen, eher ein
wechselhaftes Sommergewitter. Fußballfreunde - also offensichtlich
alle - sahen spannende Spiele. Die Hooligans waren eingebremst: Weil
die Briten fehlten, weil die Sicherheitsmaßnahmen funktionierten,
weil im Gegensatz zu Vereins-Matches die Euro (wie auch eine WM) ein
sehr bürgerliches Publikum anzog. Die spanischen und italienischen
Gäste etwa glichen eher einem Betriebsausflug von Uni-Professoren als
den mancherorts befürchteten jugendlichen Gewalttätern und
Alkoholikern (wobei allerdings rätselhaft bleibt, warum viele
Menschen in eine fremde Stadt reisen, nur um dort vor dem gleichen
Fernsehbild zu bangen, das sie auch daheim sehen hätten können).

Wirtschaftlich war die Euro allen bestellten Studien zum Trotz ein
mageres Geschäft: Die Kurzfrist-Visiten der Fans konnten nicht die
zahlungskräftigen Städte- und Kongress-Touristen kompensieren, die
Österreich im attraktiven Juni gemieden haben. Auf der Negativseite
stehen auch die absurden Verkehrssperren in Wien.

Und gar keinen Erfolg brachte die Euro (anderws als die WM 2006 in
Deutschland) für die nationale Identität, für Regierung oder
Regierungschef. Im Gegenteil: Die Demokratie erlitt zur gleichen Zeit
den ärgsten Glaubwürdigkeitsverlust seit Jahrzehnten. Die SPÖ kann
weder Funktionären noch Wählern die Anbiederung an die Kronenzeitung
sowie die totale Diskrepanz zwischen diesem Kniefall und den
bisherigen eigenen Taten erklären. Der wieder einmal in Schweigen
flüchtende Bundespräsident muss sich am Jahr 2000 messen lassen, als
sein Vorgänger angesichts ähnlicher Widersprüche die Regierung zu
einem öffentlichen Schwur auf Europa gezwungen hat. Und die ÖVP, die
2002 bei einem vergleichbaren - im steirischen Knittelfeld
ausgerufenen - Kurswechsel eines Koalitionspartners mit Empörung in
Neuwahlen gegangen ist (ohne noch zu wissen, dass ihr dieser
Entschluss einen großen Zugewinn an Führungsstärke und den größten
Wahlsieg ihrer Geschichte bringen wird), zögert und zagt herum; sie
wartet offenbar, bis auch der letzte Gemeinde- und Landesparteiobmann
nachgedacht hat, was seinen ganz persönlichen Opportunitäten nützen
würde.

Wir sind wieder die alte Provinz. Mehr als wir es je in Zeiten vor
der Euro waren.

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Tel.: 01/206 99-478
mailto:redaktion@wienerzeitung.at

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