"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Angst vor der Freude" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 29.6.2008

Graz (OTS) - Was haben wir nicht alles gefürchtet! Nichts davon
ist eingetroffen. Die Euro war ein Erfolg.

Heute Abend kennen wir den Europameister in der Disziplin Fußball. Damit enden drei Wochen Ausnahmezustand. Die Scheinwerfer werden abmontiert und das Ballspiel findet wieder im angemessenen Dämmerlicht statt. Die Arbeitsproduktivität und die Substanz von Gesprächen wird merklich ansteigen. Uns wird etwas fehlen.

Es war kein Sommermärchen, was wir erlebt haben. Für das Märchen, das die Deutschen 2006 bei der Weltmeisterschaft überwältigt hatte, fehlten zwei entscheidende Voraussetzungen: die gute Mannschaft und das gute Wetter. Die Weltmeisterschaft war damals ohne einen Regentag über die Bühne gegangen. Und die "Rumpelfüßler", wie die Deutschen ihre Mannschaft vor der Klinsmann-Kur höhnisch genannt hatten, waren nicht wiederzuerkennen.

Unsere Leute sind sich treu geblieben. Das Ergebnis ist bekannt. Das Ausscheiden hat die Stimmung ab der Halbzeit etwas getrübt. Aber hatten wir nicht eh immer beteuert, die Euro vor allem deshalb zu inszenieren, weil wir auch einmal dabei sein wollten? Das immerhin ist gelungen, und wie.

Wir sind auf allen Linien eines Besseren belehrt worden. Was hatten wir nicht alles gefürchtet. Horden von Hooligans würden aus Kroatien, Polen und Deutschland in unser hilfloses Land einfallen und niederreißen, was nicht festgenietet ist. Den Lindwurm würden sie amputieren und Maria Theresia das Szepter entwinden. Spezialeinheiten der Polizei aus den Nachbarländern mussten unsere Leute verstärken, die Urlaubssperre hatten. Auch Al Kaida kündigte ihr Kommen an, die Abfangjäger waren alarmbereit.

Das alles war richtig. Wäre etwas passiert, wir hätten jedes Versäumnis aufgelistet und gnadenlos nach den Schuldigen gefahndet. Auch so verbietet sich Spott. Die Polizei muss nicht Verhaftungen vorweisen, um ihren Einsatz zu rechtfertigen. Die bloße Anwesenheit geschulter Ordnungskräfte kann vieles verhindern. Sie half mit, die Euro zur Parade kontrollierten Nationalgefühls zu machen, auch des eigenen: Fähnchen auf dem Dach, Farben im Gesicht, Respekt vor dem Gegner.

Auch die Wirtschaft hat profitiert. Der UEFA flossen 1,3 Milliarden Euro in die Kasse. Die Einschaltquote des ORF erholte sich zwischendurch. Österreich stand drei Wochen lang im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, das wird sich auf den Tourismus auswirken.

Das Unken vor großen Sprüngen gehört bei uns zum Spiel. Diesmal hätten wir beinahe vergessen, uns zu freuen. Als die Unken verstummten, war es fast schon zu spät. Nach messbaren Kriterien war die Euro ein Erfolg. Uns war sie ein Fest. ****

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