- 26.06.2008, 14:46:24
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20. Österreichischer Bürgermeistertag diskutiert Chancen der Globalisierung
Experten: Funktionierende ländliche Räume sind Voraussetzung
Wieselburg (AIZ) - Unter dem Motto "Regionen im Würgegriff der
Globalisierung?" fand heute im Rahmen der Wieselburger Messe der 20.
Österreichische Bürgermeistertag statt. Die Veranstalter -
Arbeitsgemeinschaft ländlicher Raum und Forum Land - hatten dazu drei
hochrangige Referenten geladen. Ludwig Scharinger, Generaldirektor
der Raiffeisenlandsbank OÖ, Monika Kircher-Kohl, Vorstandsvorsitzende
von Infineon Austria, und RIZ-Geschäftsführerin Petra Patzelt
skizzierten in ihren Vorträgen, welche Rahmenbedingungen in den
Regionen und Gemeinden gegeben sein müssten und wie man die
Globalisierung als Chance nutzen könne. Anlässlich des
20-Jahr-Jubiläums wurde Tagungsleiter Sixtus Lanner gewürdigt.
"Dieser Bürgermeistertag bietet auch heuer wieder eine Plattform
für Entscheidungsträger aus ganz Österreich, um gemeinsam über
zukunftsfähige Strategien für den ländlichen Raum nachzudenken. Diese
Regionen gewinnen immer mehr an Bedeutung als aktiver Wirtschafts-,
Lebens- und Erholungsraum", stellte Fritz Grillitsch, Obmann von
Forum Land, in seinem Eingangsstatement fest.
Globalisierung sei eine große Herausforderung für den ländlichen
Raum und die Landwirtschaft, die Antwort darauf heiße
Regionalisierung, so Grillitsch.
Vielen Menschen mache das Tempo der nationalen und internationalen
Entwicklungen Angst, daraus entstehe das Bedürfnis nach Heimat,
Identität und Überschaubarkeit. Diesen Bedarf könne der ländliche
Raum abdecken, wenn die richtigen Rahmenbedingungen dafür vorhanden
seien. Notwendig sei unter anderem eine entsprechende Infrastruktur.
Dem trage die Bundesregierung beispielsweise mit ihrer
Breitbandoffensive Rechnung. Nachdem sich die Ausgaben der kleineren
Gemeinden bis 2.500 Einwohner in den letzten 17 Jahren um 170% erhöht
hätten, seien auch mehr finanzielle Mittel erforderlich. "Durch den
neuen Finanzausgleich bekommen kleine Gemeinden bis 10.000 Einwohner
ab dem Jahr 2011 pro Jahr rund EUR 100 Mio. mehr. Außerdem sieht der
neue Finanzausgleich Anreize zu einer besseren Zusammenarbeit
zwischen den Gemeinden vor. Wir müssen hier Stärken erkennen und
Synergien zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger besser nutzen",
unterstrich Grillitsch. Als weitere Chance bezeichnete er die Nutzung
neuer Marktchancen, etwa im Bereich Bioenergie.
Patzelt: Globalisierung beginnt vor der Haustür
"Die Globalisierung beginnt vor unserer Haustür", stellte Petra
Patzelt, Geschäftsführerin der Regionalen Innovationszentren (RIZ) in
ihrem Referat fest. Das RIZ versteht sich als NÖ Gründeragentur und
verfügt über 16 Standorte im Bundesland. Niederösterreich als
europäische Region sei von Wachstumsmärkten, insbesondere in den
Mittel- und Osteuropäischen Ländern, umgeben. Um die sich daraus
ergebenden Chancen zu nutzen, sei insbesondere eine regionale
Innovationsstrategie - basierend auf neuen Technologien,
Kooperationen, Bildung, Infrastruktur und entsprechenden
Fördermöglichkeiten - notwendig. Das Bundesland Niederösterreich habe
sich hier sehr gut entwickelt und sei daher auch im Vergleich mit 250
anderen europäischen Regionen von der EU-Kommission ausgezeichnet
worden.
An die Adresse der anwesenden Bürgermeister sagte Patzelt, dass
sich nicht jede Gemeinde für ein Betriebsgebiet eigne. Dazu müssten
die wichtigsten Standortfaktoren geklärt beziehungsweise optimiert
werden. Die Expertin sprach sich in diesem Zusammenhang für
interkommunale Standort-Kooperationen aus, also gemeinsame
Investitionen und Projekte von mehreren Gemeinden. "Auch Regionen
müssen mehr kooperieren und Netzwerke bilden, das kann auch über die
Landesgrenzen hinausgehen", so die Referentin.
Kircher-Kohl: Ganzheitliche Innovationsstrategie notwendig
Aus der Sicht des weltweit operierenden Halbleiter-Herstellers
Infineon Technologies nahm die Vorstandsvorsitzende von Infineon
Austria, Monika Kircher-Kohl, Stellung. Das Unternehmen ist
Weltmarktführer bei Mikrochips, die etwa im Energie- und
Steuerungsbereich sowie für Sicherungssysteme eingesetzt werden. In
Österreich beschäftigt das Unternehmen rund 2.900 Mitarbeiter, davon
circa 1.000 in Forschung und Entwicklung. Weltweit beschäftigt
Infineon 43.000 Mitarbeiter.
Kircher-Kohl sprach sich ebenfalls für eine ganzheitliche
Innovationsstrategie aus, Österreich habe diesbezüglich viel
unternommen, dazu würden auch die steigenden Forschungsausgaben
beitragen, betonte sie. Aufholbedarf habe das Land noch im
Bildungsbereich, dies beginne bereits bei der Frühförderung von
Kindern. Die Nutzung neuer Kommunikationstechnologien sei eine
Grundvoraussetzung für Investitionen in ländlichen Regionen, so
Kircher-Kohl. Notwendig seien verstärkte Kooperationen zwischen
Wirtschaft und Wissenschaft. Darüber hinaus könne ein Land selbst die
Initiative ergreifen und Pilotabsatzmärkte für neue Produkte - etwa
im Energiesparbereich - schaffen. Infineon selbst bekenne sich auch
zu seiner regionalen Verantwortung und kooperiere an den
österreichischen Standorten mit Gewerbe und Industrie vor Ort.
"Österreich befindet sich nicht im Würgegriff der Globalisierung,
sondern kann von ihr viel profitieren", sagte die
Vorstandsvorsitzende.
Scharinger: Globalisierung braucht funktionierende ländliche Räume
RLB-Generaldirektor Scharinger sprach sich ebenfalls dafür aus,
die Globalisierung als Chance zu betrachten. Voraussetzung dafür
seien international stabile Märkte und gerade in Österreich
funktionierende ländliche Regionen. Im Agrarbereich gehe es darum,
verstärkt in die Wertschöpfungstiefe zu gehen und weniger Rohstoffe,
dafür mehr fertige Produkte auf den In- und Auslandsmärkten
abzusetzen, regte Scharinger an. Zur aktuellen Diskussion über
Lebensmittelpreise stellte er fest, es sei "gut, wenn die Produkte
der Landwirte wieder etwas wert sind". Österreichs Wirtschaft habe in
den vergangenen Jahren seine Exporte kontinuierlich gesteigert, das
Land Oberösterreich gelte hier überhaupt als Europameister, was die
Ausfuhren betreffe.
Der Generaldirektor hob in seinem Referat vor allem den
Stellenwert einer gesicherten Nahversorgung hervor und verwies dabei
auf das von der RLB Oberösterreich initiierte und mittlerweile auch
in andere Bundesländer exportierte Projekt "Land lebt auf". Es
handelt sich dabei um einen neuen Typus eines regionalen Versorgers,
der vor allem in kleinen Gemeinden an einem Standort gebündelt
Produkte des täglichen Bedarfs (Lebensmittel, Trafik, Post) -
kombiniert mit einer Tankstelle, einem Buffet und einem Wochenmarkt
für Gewerbe und Landwirtschaft - anbietet. Dieses Konzept habe sich
sehr gut bewährt, es sei besser, auch am Land auf- statt alles
zuzusperren, erklärte Scharinger.
Auszeichnungen für Lanner
Der 20. Bürgermeistertag wurde heute zum Anlass genommen, um den
Initiator und Tagungsleiter der Veranstaltung, Sixtus Lanner,
auszuzeichnen. Von der Gemeinde Wieselburg Land erhielt er das
Goldene Verdienstkreuz, vonseiten der Stadtgemeinde Wieselburg wurde
ihm das Goldene Ehrenzeichen überreicht. Auch Forum Land-Obmann
Grillitsch und die Leitung der Messe Wieselburg würdigten Lanner
dafür, dass er beim Bürgermeistertag stets aktuelle, brandheiße
Themen aufgriff und mit führenden Entscheidungsträgern diskutieren
ließ.
Lanner selbst formulierte seinen Leitgedanken zum Tagungsthema so:
"Wer in unserer globalen Wettbewerbsgesellschaft erfolgreich bestehen
will, muss seine Stärken besonders hervorheben und seine Kräfte
bündeln. Nicht jede Gemeinde verfügt über geeignete Voraussetzungen
als Wirtschaftsstandort. Daher gilt es, in der Region die Entwicklung
jenes Standortes voranzutreiben, der am ehesten den von den
Investoren gewünschten Kriterien entspricht. Dies wird dann am besten
funktionieren, wenn ein vernünftiger Ausgleich zwischen Kosten und
Ertrag gefunden wird."
(Schluss) kam
Rückfragehinweis:
AIZ - Agrarisches Informationszentrum, Pressedienst
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