"Scheidungsrekord": Mehr Augenmerk auf Ehevorbereitung legen

Direktor des Instituts für Ehe und Familie, Danhel: Statistik muss differenziert gesehen werden - "Tatsache, dass Scheidungen meist von Frauen eingereicht werden, sollte Männer zu denken geben"

Wien, 18.6.08 (KAP) Jüngste Meldungen über einen "Scheidungsrekord" in Österreich müssten zum Anlass genommen werden, mehr Augenmerk auf Ehevorbereitung und Krisenprävention zu legen: Das hat der Direktor des kirchlichen Instituts für Ehe und Familie (IEF), Prof. Günter Danhel, am Mittwoch zu den tags zuvor veröffentlichten jüngsten Scheidungsdaten der Statistik Austria erklärt. Nicht nur die kirchliche Vorbereitung auf das Sakrament der Ehe solle forciert werden; die Österreichische Bischofskonferenz hat hier zuletzt laut Danhel "wichtige Impulse gegeben". Auch der Staat sollte durch Information und Beratung auf die standesamtliche Eheschließung vorbereiten.

Präventive Wirkung gegen Ehekrisen habe zuallererst eine wert-, ziel-und methodenbewusste Partnerschafts- und Sexualerziehung im Elternhaus, so Danhel. Ergänzend sei diesbezügliche Erziehung im Sinne einer "entfernten Ehevorbereitung" auch in Schule und in außerschulischer Kinder- und Jugendarbeit "dringend erforderlich".

Letztlich müsse die gesamte Gesellschaft ein "vitales Interesse an stabilen und funktionierenden Ehen und Familien" haben – nicht nur wegen der Bildung von "Humanvermögen", wie Danhel betonte, sondern auch wegen des dort "praktisch gelebten Subsidiaritätsprinzips" in Form von wechselseitigem Beistand und Unterhalt.

Scheidungsrate "nur bedingt aussagekräftig"

Zu der alljährlich bekanntgegebenen Scheidungsrate durch die Statistik Austria, die jeweils für "Rauschen im Blätterwald" sorge, forderte der kirchliche Familien-Experte eine "differenzierte Sichtweise" ein. Die Zahlen "als solche" seien zuverlässig, jedoch würden sie bei näherer Betrachtung oft etwas anderes besagen, als in verkürzten Botschaften kommuniziert werde. Danhel wies auf Berichte hin, wonach "jede zweite Ehe geschieden wird" oder "Ehen nur mehr kürzer als so und so viele Jahre halten". Dabei werde übersehen, dass die Scheidungsrate - als bloßer Vergleich zwischen der Zahl der Eheschließungen und der Scheidungen jeweils eines Jahres - "nur bedingt aussagekräftig" sei. Sinnvoller wäre es laut dem IEF-Direktor, den "Scheidungskoeffizienten" zu betrachten, also die Zahl der Scheidungen eines Jahres jeweils auf die Gesamtheit aller bestehenden Ehen - und darunter sind auch lange bestehende - zu beziehen. Mitbedacht werden müsse auch, dass Ehen heute in Folge der gestiegenen Lebenserwartung "so lange dauern wie nie zuvor".

Dennoch bleibe es eine "Tatsache, dass mehrheitlich die Ehen junger Menschen mit einer Scheidung enden", bedauerte Danhel. Einer der Gründe dafür sei, dass manchmal eine "übereilte Scheidung" auf eine "übereilte Eheschließung" folge. Ehe und Familie erforderten eine gelebte Kommunikations- und Konfliktlösungs-Kultur im Alltag und die bewusste "Pflege" von Beziehung.

Männer müssen Verantwortung wahrnehmen

Die Tatsache, dass Scheidungen heute zum allergrößten Teil von Frauen eingereicht werden, sollte Männer zumindest zum Nachdenken veranlassen, so Danhel weiter. Nicht immer erfolge dies, weil Frauen "beziehungsmüde" sind, sondern weil sie erwarten, dass Männer ebenfalls in die eheliche Beziehung investieren. Erst die Unzufriedenheit darüber, wenn dies nicht der Fall ist, lasse Frauen eine Scheidung anstreben. "Deshalb muss Männern ihre Verantwortung für Beziehungen stärker als bisher bewusst werden", forderte Danhel.

Allen präventiven Ansätzen – wie etwa dem nachweislich wirksamen Projekt "EPL – Ehevorbereitung. Ein partnerschaftliches Lernprogramm" – wären im Sinne einer Verbesserung der Paarkommunikation und einer "Scheidungsprophylaxe" weite Verbreitung zu wünschen. Aber auch Beratung und Therapie könnten Paare dabei unterstützen, wieder zueinander zu finden. Danhel wies auf die vielfältigen Angebote der Kirche hin: Durch Information, Bildung und Beratung für Ehe und Familie leiste sie einen unverzichtbaren Dienst für die "Betroffenen" und damit auch die Gesellschaft.

Scheidungsrate so hoch wie noch nie

Die Scheidungsrate stieg laut Statistik Austria im Jahr 2007 österreichweit auf fast 50 Prozent, in Wien wurden bereits 64 von 100 Ehen geschieden. Die Gesamtscheidungsrate liege mit exakt 49,5 Prozent auf einem "historischen Rekordwert", im Jahr davor betrug die Scheidungsrate noch 48,9 Prozent, im Jahr 1998 38,6 und 1988 noch 29,5 Prozent. Die Scheidungen erfolgten überwiegend (zu 88,4 Prozent) einvernehmlich, teilte die Statistik Austria mit.

Betroffen waren insgesamt 21.061 Kinder, davon sind 15.031 (71,4 Prozent) minderjährige "Scheidungswaisen" (unter 18 Jahre). 1.306 (6,2 Prozent) Kinder waren zum Zeitpunkt der Scheidung ihrer Eltern noch jünger als drei Jahre. Bei 42,5 Prozent aller Scheidungen war die Ehe kinderlos geblieben.

Die mittlere Ehedauer der im Jahr 2007 geschiedenen Ehen betrug laut den Statistikern 9,2 Jahre, das ist um 0,2 Jahre länger als im Jahr davor. Innerhalb des ersten Ehejahres wurden 1,4 Prozent geschieden, jedes zehnte Ehepaar trat erst nach der Silberhochzeit den Gang zum Scheidungsrichter an. Das typische Scheidungsalter liegt um die 40 Jahre: Männer sind durchschnittlich 41,6 Jahre, Frauen 39,3 Jahre.

Die Gesamtscheidungsrate war in Wien - wie schon in den Jahren davor - mit 64,2 Prozent deutlich höher als im österreichischen Durchschnitt, Tirol blieb mit 37,9 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. Die Zahlen der anderen Bundesländer:
Niederösterreich (48,3 Prozent), Steiermark (47,5), Vorarlberg (46,8), Salzburg (45,1), Kärnten (41,7), Oberösterreich (41,1) und das Burgenland (39,8). (forts.)
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