"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Herwig van Staa am Scheideweg"

In der Tiroler ÖVP und in der Bundes-SPÖ sind die Chefs unter Beschuss (Von FRANK STAUD), Ausgabe vom 14. Juni 2008

Innsbruck (OTS) - Ein Landeshauptmann auf Abruf ist ein Landeshauptmann ohne Gestaltungsmöglichkeiten. Dieses Zitat stammt von Herwig van Staa und ist wenige Tage alt. Es könnte aber genauso gut aus dem Mund von Alfred Gusenbauer gekommen sein. Denn die Situation in der Tiroler ÖVP ist genauso dramatisch wie jene in der Bundes SPÖ.

Auch dort ist Alfred Gusenbauer von Heckenschützen umgeben: Sein politisches Überleben steht ähnlich in den Sternen wie jenes van Staas. Beide sind starke Persönlichkeiten, die ihre Parteien schon lange nicht mehr geschlossen hinter sich haben.

Van Staa schaffte bei seiner letzten Wahl als Spitzenkandidat über 40 Prozent und kann auf der Habenseite verbuchen, dass ohne VP keine Koalition realistisch ist. Faktum ist aber auch, dass die Tiroler Wähler den Schwarzen einen gewaltigen Denkzettel verpasst haben. Wer fast zehn Prozent verliert, kann nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Deshalb muss van Staa jetzt in sich gehen und intensiv in den Spiegel schauen. Nur er selbst kann sich die Frage beantworten, ob er dem Land, der Partei und sich selbst etwas Gutes tut, wenn er im Amt bleibt. Derzeit sieht es danach aus.

Nach dem gescheiterten Putschversuch von Günther Platter und Jürgen Bodenseer steht allerdings fest, dass van Staa im Falle seiner Wiederwahl zum Landeshauptmann auf jeden Fall angezählt ist.
Daher sind ab sofort ganz andere Fragen omnipräsent und dominierend:
Wann findet der ÖVP Parteitag 2009 statt? Wer wird die Partei übernehmen? Und wann wird der/die neue Parteichef(in) van Staa als Landeshauptmann beerben?

Van Staa könnte sich einen würdigeren Abgang verschaffen, als ihn seine Vorgänger Alois Partl und Wendelin Weingartner hatten. Sie wurden von der ÖVP regelrecht beseitigt. Wenn van Staa im Amt bleibt, kommt es zur Zerreißprobe in der ÖVP.

Diese könnte er elegant umgehen, wenn er die Koalition fertig verhandelt, dann das Amt an Platter oder Anna Hosp übergibt und selbst Landtagspräsident wird. Da Platter für van Staa nicht der Wunschnachfolger ist, könnte er auch bewusst auf Zeit spielen und LH bleiben: um Hosp bessere Karten zu verschaffen.

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