"Kleine Zeitung" Kommentar: "Nur Geschwätz oder gibt es Lehren aus dem Fall Kampusch? (von Doris Piringer)

Ausgabe vom 13.06.2008

Graz (OTS) - Nur äußerst selten kann man in die konkrete Arbeit von Polizei und Justiz derart tief hineinleuchten, wie im Fall Natascha Kampusch. Das ist vielleicht auch gut so, will man im Zweifelsfall an einem funktionierenden Rechtsstaat festhalten. Vier Monate lang hat sich eine Kommission unter der Leitung von Ludwig Adamovich mit den Ermittlungen rund um diesen spektakulären Fall beschäftigt - das Ergebnis ist ernüchternd, um nicht zu sagen: in einzelnen Punkten vernichtend.

Adamovich ist nicht jemand, der das Wort wie eine Faust benützt und lautstark auf den Tisch knallen lässt. Behutsam war schon immer seine Sprache, doch nicht minder deutlich seine Aussage. So geißelt er im Abschlussbericht unter anderem die Staatsanwaltschaft Wien, die "die Wünsche aus dem Umfeld des Opfers in bemerkenswert kritikloser Bereitschaft akzeptiert hat." Gleichzeitig wird auch festgehalten, dass "versierte Opferberater" versuchten, die Einvernahmen durch die Behörden gezielt zu beeinflussen. Das ist ein Punkt, den man näher betrachten sollte.

Als Natascha Kampusch die Flucht aus ihrem Verlies gelungen war, wurde sofort ein dichter Kokon um ihre Person gesponnen. Psychologen, Anwälte, Medienberater, Psychiater und Opferschutzorganisationen stürzten sich auf dieses Kriminalopfer und man hatte den Eindruck, ein eifersüchtiger Wettkampf um ihre Person hätte eingesetzt. "Ich weiß was! Ich weiß was!" meldeten sich diese Organisationen unglaublich wichtig in der Öffentlichkeit zu Wort.

Nicht ganz, aber nahezu ausgeschlossen von diesem skurillen Wettkampf war die Polizei und die Justiz. Wie gelähmt beobachteten diese Behörden die geschickten Aktivitäten rund um das Opfer. Kein Wunder, dass im nachhinein die Gerüchte brodeln und kein Wunder, dass es heute auf so viele offene Fragen keine zufrieden stellenden Antworten gibt. Der Entführer Priklopil war tot und damit die Sache erledigt.

Etwas Wesentliches noch aus diesem Bericht: Die politisch hochgespielte "Vertuschung" erwies sich als reine Luftblase. Wenigstens etwas.

Natürlich: Bis zum Fall Kampusch hatte man noch nicht viel Übung im Umgang mit derart spektakulären Kriminalfällen. Und es war auch nicht abzusehen, dass mit dem Inzest-Fall in Amstetten schon wieder akutes Krisenmanagement gefragt sein würde. Man wird sehen, ob in einiger Zeit eine Kommission die Fehler von Amstetten aufzeigen. ****

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