"Die Presse" Leitartikel:"EM-Frustzone: Warum Wien nicht Berlin ist" (von Rainer Nowak)

Ausgabe vom 13.6.2008

Wien (OTS) - Wir schaffen es sogar, ein halbwegs friedliches Fußballfest schlechtzureden. Wegen Standlern und Uefa-Bier.

Schlimmer als die Leere ist nur noch Ursula Stenzels Mitleid: Am Donnerstag sah sich die Bezirksvorsteherin der Wiener Innenstadt veranlasst, für einen EM-Besuch im ersten Bezirk zu "werben". Per Erklärung rief sie dazu auf, dass die vielen Gäste und Kunden, die sonst in die Wiener Innenstadt strömen, keine "Angst" haben müssten. Weder sei es zum befürchteten "täglichen Verkehrsinfarkt" gekommen noch zu erwarteten "Belästigungen durch Fans". Im Gegenteil, meint Stenzel in ihrer "Zwischenbilanz": Die City sei "jetzt besonders einladend" und biete "ungestörtes Einkaufs- und gastronomisches Vergnügen".
Die Argumentation in dieser seltsamen Werbeeinschaltung stimmt im Kern aber: Die Wiener - und nicht wenige regelmäßige Juni-Wien-Besucher - meiden die Stadt dieser Tage, als wäre sie Kampfgebiet. Dahinter steht nicht nur die (klein-)städtische Angst vor großen Menschenansammlungen, sondern vor allem auch Klischeevorstellungen über den Fußball und seine Hooligans. Dass Letztere vor allem für Vereine und seltener für Nationalmannschaften prügeln, wird ebenso häufig vergessen wie die schlichte Tatsache, dass Fußball - oder besser: das Verfolgen desselben - der größte Breitensport in Europa ist, Deppen inklusive. Wie Stenzel ebenfalls völlig zu Recht meint, verstärkte wohl auch die Berichterstattung vorab diese ängstliche Grundstimmung. Was sie aber verschweigt: Es waren nicht zuletzt Pharisäer wie Stenzel, die vor marodierenden Fans warnten und die Innenstadt bereits in Trümmern sahen. Und - um nicht wie Stenzel an Amnesie zu leiden - auch "Die Presse" kritisierte die Entscheidung, die 70.000-Mann-Fanzone in der Wiener Innenstadt zu errichten: Bei voller Besetzung sei das Risiko, dass wegen fehlender Ausweichmöglichkeiten eine Schlägerei leicht zur Massenpanik führen könnte, sehr hoch. Dieses Risiko scheint mittlerweile überschaubar zu sein, "die volle Besetzung" wird - von den Finalspielen und Österreich-Matches abgesehen - aus heutiger Sicht kaum erreicht werden. (Schlägereien wird es aber vermutlich weiterhin geben.) Wäre die Fanzone wie vielfach gefordert auf der Donauinsel errichtet worden, wäre die Depression perfekt gewesen, die Fans hätten sich zwischen Stadtzentrum und Insel endgültig verloren. Und Wiens Ersatz-Zone im schönen Hütteldorf wird zum Glück wohl eine Fußnote bleiben.
ss-15;0Die TV-Bilder aus der Wiener Fanzone mit Hofburg, Burgtheater und Rathaus im Hintergrund machen sich gut, auf jeden Fall deutlich besser als das PR-Desaster, das in anderen österreichischen Zonen gerade abläuft: Das Jammern der dort eingemieteten Wirte und Bier-Verkäufer ist die beste Methode, in den mehr als zwei Wochen (!) keine neuen Gäste anzulocken, das Wehklagen wegen gähnender Leere klingt nicht gerade nach Party-Garantie, sondern treibt viele endgültig in andere günstigere Public-Viewing-Orte. (Der Begriff ist übrigens denkbar sonderbar, in den USA versteht man darunter die öffentliche Aufbahrung, aber das nur nebenbei.)
Offenbar gilt das unternehmerische Risiko für Gastronomen innerhalb der Zone nicht. Dass das Bier in Wien etwa 4,5 Euro kostet, haben sie vermutlich nicht gewusst. Oder dass am Eingang kontrolliert wird. Dass am frühen Nachmittag kein Spiel übertragen wird. Oder dass -kleiner Nachtrag zur allgemeinen Komasaufen-Hysterie des Vorjahrs -normale Gäste im Idealfall nicht schon am Vormittag ein Bier nach dem anderen konsumieren. Dass so eine Zone an Wien-Spieltagen abends funktioniert, aber nicht untertags. Vielleicht haben es die Uefa-Manager einfach nicht dazugesagt.
Das wäre zumindest vorstellbar, sind die Spiele doch vor allem auf Gewinnmaximierung ausgerichtet, was bei einem ganz normalen Unternehmen überhaupt kein Problem wäre, bei einem Verband aller europäische Fußball-Organisationen aber eigentlich nicht die einzige Motivation sein müsste. Neben abendlichen Fußballspielen muss man für offizielle Fanzonen jedenfalls mehr bieten als Uefa-Bier, Sponsoren-Leinwände und VIP-Container von außen - vor allem in einer Stadt, in der alleine am Rathausplatz täglich ungefähr sieben Großveranstaltungen abgehalten werden.
Und dann ist an der fehlenden Euphorie (wieder einmal) Deutschland ein bisschen schuld: Deren Weltmeisterschaft legte die Latte zu hoch. Erstens fehlen Brasilianer, Argentinier & Co. für die Stimmung. Zweitens glaubt im Gegensatz zu den Deutschen 2006 kein Österreicher ernsthaft an die Notwendigkeit, der verblüfften Welt zu beweisen, dass hier richtig wilde Partys gefeiert werden können. Zum Après Ski kommen sie ohnehin alle wieder. Und drittens wäre da noch das Problem Fußball.
Aber beim Jammern sind wir schon die ungeschlagenen Europameister.

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