DER STANDARD-KOMMENTAR "Kulturpolitischer Zaubertrick" von Thomas Trenkler

Sabine Haag wird KHM-Chefin, weil Claudia Schmied nicht weiß, was sie eigentlich will - Ausgabe vom 13.6.2008

Wien (OTS) - Der 11. Juni hat gute Chancen, künftig zum Feiertag des Kunsthistorischen Museums zu werden. Denn an ebenjenem Tag des Jahres 2008 knallten die Sektkorken, Tränen der Freude wurden vergossen, und die Mitarbeiter paschten begeistert in die Hände. Spürbar war, wie es ein Beteiligter beschrieb, das Gefühl der Befreiung aus dem Joch des scheidenden Generaldirektors, der sich ob seiner eigenmächtigen Entscheidungen viele Feinde im KHM gemacht hatte.
Seiner Nachfolgerin, von Kulturministerin Claudia Schmied am 11. Mai im Bassano-Saal des KHM präsentiert, wird man daher keine Steine in den Weg legen, sie vielmehr tatkräftig unterstützen. Noch dazu, weil den Mitarbeitern niemand von außen aufs Aug’ gedrückt wurde: Mit einer "Hausbesetzung" hat die Entscheidung für die Elfenbeinspezialistin Sabine Haag nichts zu tun, auch wenn es eine Besetzung aus dem Haus ist.
Für Hahnenkämpfe, wie sie zwischen Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder und KHM-Chef Wilfried Seipel üblich waren, oder Zickenkriege wird Sabine Haag nicht zu gewinnen sein: Unabdingbar seien, wie sie bei der rührenden Designierungszeremonie sagte, Forschung, Qualität und Vermittlung. Auch das Gieren nach Besuchermaximierung wird sie nicht mitmachen: Es gäbe andere Parameter, um den Erfolg einer Bildungs_institution zu messen.
Das alles klingt sehr wohltuend in Zeiten, in denen die Albertina zu einer monströsen "Ausstellungsmaschine" mutierte. Mit der Bestellung von Sabine Haag bestätigte Schmied daher ihre Haltung des "Sowohl-als-auch", die ihr im Streit um den Wiener Augartenspitz, wo nun ein "Konzertkristall" der Sängerknaben und nicht ein Filmkulturzentrum errichtet werden soll, massiv angekreidet worden war: Praktisch zeitgleich entschied sie sich für eine Verlängerung des Vertrages von Schröder, der ein Meister der Vermarktung ist, und bestellt nun eine Wissenschafterin, die sicher keine Eventmanagerin wird, für die KHM-Generaldirektion.
Dennoch: Man muss sich fragen, was Schmied kulturpolitisch eigentlich will. Denn per Ausschreibung vom 7. Dezember 2007 suchte sie "eine Persönlichkeit mit hoher internationaler Reputation und langjähriger Erfahrung in der Leitung eines Museums". Sie erwartete neben Universitätsstudium und kunsthistorischen Kenntnissen den "Nachweis der erfolgreichen wirtschaftlichen und organisatorischen Führung eines Museums", den Nachweis von "Erfahrung im Umgang mit Sponsoren sowie der Öffentlichkeit und den Medien", Verhandlungserfahrung sowie "Unterstützung der kaufmännischen Geschäftsführung" - etwa bei der Erschließung von Drittmitteln.
21 Personen glaubten, dem Profil zu entsprechen. Sabine Haag war nicht unter ihnen. Aus naheliegenden Gründen: Auch wenn sie Ende 2007 zur Direktorin der Kunstkammer berufen wurde, galt ihr Augenmerk immer nur der Wissenschaft und der Kunstvermittlung.
Auf sie hätte man daher auch gar nicht kommen können. Und auch Schmied kam erst spät auf Sabine Haag: erst vor rund drei Wochen -nach diversen Reisen durch halb Europa. Sich nun diebisch über die fast geglückte "Überraschung" zu freuen ist ziemlich billig, wenn man einfach die Spielregeln ändert, ohne jemanden davon in Kenntnis zu setzen. Die Trickserei ist zudem ziemlich unfair: Hätte man geahnt, dass die genannten Voraussetzungen gar keine sind, hätten sich wohl viel mehr Personen beworben.
Die Bestellung von Sabine Haag ist daher kein "Coup" wie jene von Dominique Meyer zum Staatsoperndirektor ab 2010 vor einem Jahr, sondern eine Lösung in der Not. Wenn auch eine sehr erfrischende.

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