WirtschaftsBlatt-Leitartikel: Die Diktatur der Einfachheit und ihre Folgen - von Michael Laczynski

Muss ein EU-Vertrag wirklich für jedermann verständlich sein?

Wien (OTS) - Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Ein Krebspatient im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit erhält die Möglichkeit, sich einer neuartigen Therapie zu unterziehen. Die Verbindung von Gentechnik und Mikrobiologie mit neuesten Erkenntnissen in der Radiologie würden die Chancen auf eine vollständige Heilung erheblich steigern, erklärt der zuständige Arzt. Doch der Patient lehnt den Vorschlag ab. Das alles klinge übertrieben komplex, außerdem kämen in den Ausführungen zu viele Fremdworte vor. Er wolle erst dann zustimmen, wenn der therapeutische Prozess für ihn 100-prozentig klar sei. Der Herr Doktor solle sich daher anstrengen und verständlicher sprechen.

Absurd, nicht wahr? Doch was im Bereich der Medizin völlig undenkbar erscheint, ist im weiten Feld der Politik und Wirtschaft gang und gäbe. Jede noch so komplexe Materie, an der parlamentarische Ausschüsse monatelang tüfteln, muss dieser Tage ein Hauptschulabbrecher verstehen können, eine Steuererklärung soll auf einen Bierdeckel passen, und beim Fußball ist sowieso der Kiebitz der denkbar beste Chefstratege seiner Lieblingsmannschaft.
Auswüchse dieser Diktatur der Einfachheit gibt es zuhauf, das aktuellste Beispiel liefert Irland, das am Donnerstag über den EU-Vertrag abstimmt. Die Gegner der Reform, die sich mit den Befürwortern ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, verweisen hämisch auf die byzantinische Komplexität des neuen Regelwerks und leiten daraus ihre Schlussfolgerung ab: Weg mit dem Ungetüm.

An dieser Stelle sei die Gegenfrage gestattet: Wo steht denn geschrieben, dass ein EU-Vertrag für jedermann verständlich sein muss? Die parlamentarische Demokratie basiert ja darauf, dass Politiker von Wählern mit einem Vertrauensvorschuss ausgestattet werden und dann über Sachverhalte entscheiden, deren Komplexität simplere Gemüter übersteigt. Die Forderung nach totaler Klarheit in allen Lebensbereichen ist naiv und hätte vermutlich selbst in der Steinzeit, als das Miteinander noch überschaubarer war, nicht realisiert werden können. Die Apologeten der Einfachheit dürften folglich auch nicht in ein Flugzeug steigen oder sich einer Blinddarmoperation unterziehen lassen, sofern sie nichts vom Handwerk der Piloten und Chirurgen verstehen.

Das alles hat unangenehme Folgen: Aus Angst vor dem Groll der Wähler werden Inhalte simplifiziert dargestellt oder dringende, aber komplexe, Probleme gar nicht angegangen. Politologe Benjamin Barber fasst dieses Phänomen unter dem folgenden Namen zusammen: "Die Infantilisierung der Gesellschaft".

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