"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: "Sado-Maso in Wien und Innsbruck"

Nach der Tirol-Wahl droht ein unwürdiges Schauspiel in mehreren Akten.

Wien (OTS) - Es gab ja über die Jahre hinweg schon etliche trostlose Schauspiele auf der politischen Bühne Österreichs, doch das rot-schwarze Stück derzeit in Innsbruck hat eine neue Qualität der Würdelosigkeit. Das Publikum buht und pfeift, die Akteure ergehen sich in Selbstbeschädigung und weigern sich, abzugehen.
Das Desaster der Tiroler Landtagswahl hat offenbar alle guten Geister aus den Führungszirkeln der beiden Parteien auf Landes- wie auf Bundesebene vertrieben. Die Verantwortlichen Herwig van Staa (ÖVP) und Hannes Gschwentner von der SPÖ verweigern mit völlig abstrusen Begründungen die Konsequenzen aus der dramatischen Ablehnung der Wähler. Auf Bundesebene hat keiner der beiden Parteichefs genügend Autorität oder Macht, sie zur Anerkennung der Realität zu zwingen.
Es handelt sich offenbar um eine sado-masochistische Verstimmung auf beiden Polit-Ebenen, ausgelöst durch den Wahlschock vom Sonntag. Sadismus ist in diesem Fall als Freude am Leid der anderen zu interpretieren; Masochismus als Sehnsucht nach weiteren Demütigungen und persönlichen Misserfolgen. Die Entscheidungen der Parteigremien in Innsbruck zeigen eine unveränderte Lust, die eigenen Wähler weiterzuquälen, sich einzeln oder kollektiv selbst zu beschädigen. Das Verhalten der Parteiführung von SPÖ und ÖVP im Bund offenbart die gleichen Tendenzen. Warum zum Beispiel hat Alfred Gusenbauer seinem Bundesgeschäftsführer Josef Kalina nicht untersagt, Wähler und SPÖ-Sympathisanten mit der Aussage zu quälen, der Verlust von nahezu der Hälfte der Wähler in Tirol sei eigentlich eine Konsequenz der "guten Politik" der Tiroler SPÖ und der solcherart abgestrafte Gschwentner "am besten in der Lage", die Partei wieder aus dem historischen Tief zu führen? Solche Interpretationen eines Wahlresultats verursachen als Angriff auf die Intelligenz die gleichen Schmerzen wie der Verkauf des Minus von zehn Prozentpunkten als ÖVP-Wahlerfolg.
Warum hat ÖVP-Chef Wilhelm Molterer zugelassen, dass Innenminister Günther Platter sich als Van-Staa-Erbe erfolglos anbiedert und als Co-Verhandler in Tirol von seinen Bundesaufgaben abgelenkt wird? Ab sofort ist nur mehr interessant, ob und wann Platter nach Tirol geht, welche Umbildung des ÖVP-Teams wann nötig wäre, welche Konsequenzen dies für Alfred Gusenbauer und den SPÖ-Teil der Regierung haben könnte und so weiter. Sachpolitik ade! Molterers Unvermögen, sein Gewicht als Parteichef in die Schale zu werfen, muss eine starke masochistische Komponente haben. Vernünftigerweise lässt sich ein politischer Führer von niemandem in eine solche Lage bringen.
Währenddessen steigt in der Bevölkerung die Angst vor explodierenden Lebenshaltungskosten, die Furcht vor neuen Belastungen und die Sorge vor einem massiven Ölschock. Die Stimmung ist bedrückt. Eine verstimmte und daher gelähmte Bundesregierung, die Wähler masochistisch-lustvoll in das Lager eines Heinz-Christian Strache treibt, ist das Letzte, was die Menschen brauchen.

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