An der Outlinie der Sozialdemokratie

"PRESSE"-LEITARTIKEL von Oliver Pink

Wien (OTS) - Gusenbauer raus, Zeiler rein? Mittlerweile ist den Genossen ein Kanzler-Tausch durchaus zuzutrauen.

Wenn das Glück fehlt, kommt das Pech auch noch hinzu. Kaum jemand weiß das besser als die österreichischen Fußballer und der Kanzler dieses Landes. Egal, was Alfred Gusenbauer macht, und sei es nur ein Scherz - es geht daneben. Verliert die ÖVP wie jüngst in Tirol mit dem amtierenden Landeshauptmann 9,5 Prozentpunkte, dann redet danach alles nur von der Krise der SPÖ. Die hat aber auch zehn Prozentpunkte verloren, und daran war nur zum Teil die mediokre Landespartei schuld. Genosse Trend zieht derzeit nicht mit der SPÖ. Die Unzufriedenheit mit der Politik des Kanzlers schlägt sich auch auf die Wahlergebnisse in den Ländern und auf die Befindlichkeit sozialdemokratischer Parteigänger nieder.
Eines sollte bei der Betrachtung des Endspiels Gusenbauer gegen SPÖ allerdings nicht außer Acht gelassen werden: Die Entfremdung zwischen Basis und Führung trat schon viel früher ein. Eigentlich liebt die Partei ihre Vorsitzenden schon lange nicht mehr. Die Gerhard-Schröder-Raubkopie Viktor Klima (1996-2000) verdächtigten die eigenen Genossen stets der Klüngelei mit dem Kapitalismus. Franz Vranitzky (1988-1996) war ihnen zu steif und auch zu wenig Arbeiterführer. Fred Sinowatz (1983-1988) war zwar noch ein erdiger Sozialdemokrat gewesen, ihm verzieh man aber sein Verlierer-Image nicht. Den erfolgreichen Bruno Kreisky verehrte man, teils aber nur deshalb, weil er absolute Mehrheiten sicherte und vielfach auch erst im Nachhinein. Nicht wenige Linke in der Partei beäugten den am rechten Flügel stationierten Bruno Kreisky argwöhnisch.

Und dennoch gibt es in der SPÖ heute eine diffuse Sehnsucht nach den (vermeintlich) besseren Zeiten. Dafür steht der Name Gerhard Zeiler, einst Pressesprecher des Unterrichtsministers Fred Sinowatz im Kabinett Kreisky, später Pressemann des Bundeskanzlers Fred Sinowatz. Immer öfter und immer lauter erschallt in der SPÖ der Ruf nach dem derzeitigen Geschäftsführer der RTL-Group, für den sich - und das passt zur Sehnsucht nach den (vermeintlich) besseren Zeiten - gerade Franz Vranitzky starkmacht.
Und diese Variante hätte ja tatsächlich Charme: Mit Zeiler würde ein Mann von Welt in die Löwelstraße respektive ins Kanzleramt einziehen. Ein erfolgreicher, europaweit geachteter Medien-Manager, der noch dazu aus der guten alten Zeit der österreichischen Sozialdemokratie kommt. Ein deutlicher Kontrast zu dem - von vielen Genossen so empfundenen - Apparatschik-Verein um Alfred Gusenbauer, Josef Cap und Josef Kalina. Zeilers Glanz, so erhofft man sich, könnte auch die SPÖ wieder zum Erstrahlen bringen. Aber auch da, so ist anzunehmen, würde das Gesudere der Genossen wohl bald wieder einsetzen: Zeiler, der Kommerz-Mann, der den ORF boulevardisiert habe, raube der Partei nun endgültig ihre Seele. So oder so ähnlich könnte man sich die Vorwürfe vorstellen.

Aber noch ist Alfred Gusenbauer im Amt. Mangels realistischer Alternative möglicherweise noch länger. Denn Zeiler hält sich bedeckt, andere Nachfolge-Kandidaten wie Werner Faymann bleiben ebenfalls in Deckung. Und solange man keinen Neuen hat, arbeitet man sich eben am Alten ab. Denn es ist nicht so, dass nur die ÖVP Alfred Gusenbauer Erfolge nicht gönnen würde. Auch die eigenen Parteigänger gönnen sie ihm nicht. Ob das mit mangelnder Kommunikation oder herablassendem Auftreten zu tun hat oder ob hier andere tiefenpsychologische Ursachen eine Rolle spielen, lässt sich schwer sagen. Faktum ist: Sie mögen ihn einfach nicht, ihren Kanzler.
Und der Druck der eigenen Leute auf Alfred Gusenbauer wird nicht nachlassen. Er wäre ein wenig gemildert worden, hätte Ümit Korkmaz in der 86. Minute oder Roman Kienast in der 93. Minute des Spiels Österreich gegen Kroatien ins Tor getroffen. Ein 1:1 zum Auftakt der Euro 2008 hätte das Land in Euphorie versetzt. Die Politik wäre auf die Tribüne, dritter Rang, verbannt worden. Die SPÖ-Personaldebatte hätte Bürger wie Medien kaum noch interessiert. Und der österreichische Bundeskanzler hätte auf dieser Erfolgswelle mitschwimmen können. Doch der Ausgleich fiel nicht. Und SPÖ-Kapitän Gusenbauer muss weiter damit rechnen, dass er vom Trainer der roten Truppe, Michael Häupl, frühzeitig vom Spielfeld genommen wird. Alfred Gusenbauer bleibt noch die Hoffnung auf das Polen-Spiel am Donnerstag. Und die Aussicht darauf, dass Gerhard Zeiler lieber ein mächtiger Mann in den Medien bleiben will, als ein ohnmächtiger Politik-Darsteller im Kanzleramt zu werden.

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