DER STANDARD-Kommentar: "Ein österreichischer Lafontaine" von Alexandra Föderl-Schmid

"Dinkhauser hat sich als wählbare Alternative mit Signalwirkung über Tirol hinaus etabliert"; Ausgabe vom 10.6.2008

Wien (OTS) - Mit "Fritz" hat sich eine politische Alternative profiliert, die über Tirol hinaus für das ganze Land Bedeutung hat. Fritz Dinkhauser kann das erreichen, was Oskar Lafontaine in Deutschland geschafft hat: eine Wählerbewegung zu etablieren, die diejenigen anspricht, die ihren Protest am Politikbetrieb kundtun wollen. Die Liste Fritz animiert bisherige Nichtwähler, doch zur Wahl zu gehen, und wird es wie die Linkspartei in Deutschland verstehen, ÖVP und SPÖ anzutreiben.
Das haben bisher die FPÖ und das BZÖ für sich in Anspruch genommen. Diese Parteien gelten und galten aber für viele als nicht wählbar. Die Hemmschwelle, für den langjährigen ÖVP-Politiker und Arbeiterkämmerer Dinkhauser zu stimmen, ist für viele sicher deutlich geringer. Er hat sich links vom rechten Rand als wählbare Alternative profiliert.
Wie die Linkspartei verstand es Dinkhauser im Wahlkampf, die Enttäuschten anzusprechen, die sich benachteiligt und "von denen da oben" bevormundet, ausgenutzt und überrollt fühlen. Er sprach auch viele an, die davon überzeugt sind, die Politiker kümmerten sich ohnehin nicht um die Probleme der kleinen, der normalen Leute. Er steht auch für das nichtbäuerliche Tirol und hat sich als Erster mit den Landwirten angelegt.
Da es ihm gelungen ist, mit Fritz Gurgiser auch noch den prononciertesten Transitgegner in Österreich auf seine Liste zu setzen, konnte er sich auch als wählbare Alternative für frustrierte Grün-Wähler präsentieren. Dinkhauser hat jedoch insbesondere bei Arbeitnehmern gepunktet. Da er in den vergangenen 16 Jahren die Rolle des polternden, weit über Tirol hinaus bekannten AK-Präsidenten ausgeübt hat, kam ihm auf diesem Politikfeld besondere Glaubwürdigkeit zu. Damit ist er tief in eine langjährige Domäne der SPÖ eingedrungen. Er steht auch für eine Form der Bodenständigkeit, die nicht nur in Tirol gut ankommt und mit der er sich nicht nur "von denen in Wien" abhebt, sondern auch von einer überheblich gewordenen ÖVP.
Dass Dinkhauser mit seinem Bürgerforum direkte Demokratie propagiert, kam insbesondere bei jenen Wählern an, die mit der bisherigen Form der Politik nichts mehr am Hut hatten. Sein Eintreten für offene Demokratie spricht auch bisherige Nichtwähler an, auch wenn sein Vorschlag, das Kabinett der besten Köpfe solle "lose und frei im Landtag die Probleme des Landes lösen", einerseits visionär, andererseits naiv ist. Auch der von ihm angeregte Weisenrat aus Wirtschaft und Wissenschaft fällt in die gleiche Kategorie.
Wie die Linkspartei in Deutschland setzt Dinkhauser auf die Personalisierung in der Politik: Starke Männer stehen für eine Bewegung, deren politische Inhalte von ihnen geprägt werden und die auch kein geschlossenes Bild bietet. Die Liste Fritz ist deshalb bisher nicht berechenbar. Sie ist ein großes Versprechen, unter dem sich viele vieles vorstellen dürfen. Auch darin liegt ein Geheimnis dieses Wahlerfolges in Tirol, wo das Rebellenimage schon in der Historie verankert ist. Sowohl Herwig van Staa als auch Hannes Gschwentner haben regional mit eigenen Listen Erfolg gehabt. Dinkhauser treibt - wie Lafontaine - an, es seiner bisherigen Partei zu zeigen. Das ist ein sehr starker Motor. Auch Dinkhauser ist um starke Sprüche nie verlegen, hat ein ausgeprägtes Gespür für populäre und populistische Themen. Dass er sich als Kämpfer für mehr Gerechtigkeit stilisiert, ist eine weitere Parallele zu den Opponenten der Linkspartei. Lafontaine nimmt für sich in Anspruch, das Land ""aus der Opposition heraus zu regieren". Das kann auch Dinkhauser.

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