"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Reifeprüfung" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 08.06.2008

Graz (OTS) - In Kärnten sagt man zu Urlaubsgästen "die Fremden". Es ist nicht ideologisch bös gemeint, aber es verrät einen doppelten Boden. Die Ambivalenz ist jetzt wieder spürbar. Seit den Kelten und Römern, die sich nur nicht so kreativ geschminkt haben, hat das Land noch nie so viele Fremde beherbergt. Das ist eine große Herausforderung für das kleine Land, nicht nur für die Logistik. Ein Gefühl von Ängstlichkeit und Bedrohung mengt sich in die Vorfreude und Erwartung.

In Klagenfurt hat eine Bank die Außenflächen mit Brettern verriegelt, wie man das nur von Holzbauten in der kanadischen Tundra kennt, wenn sie im Winter vor dem Zutritt unterernährter Bären gesichert werden. Die weiblichen Bediensteten wurden angehalten, nicht einzeln zur Arbeit zu kommen, sondern als Gruppe. In Kindergärten ersuchen die Direktionen die Väter, tagsüber vor den Gebäuden zu patrouillieren. In der Innenstadt haben Geschäftsleute ihre Verkaufsräume nicht erweitert, sondern geschlossen. Banken berichten von einem Zulauf, der die Weltsparwoche weit übertroffen habe: Unzählige hätten zuletzt auf Vorrat Bares gesichert, um damit später nicht auf die Invasoren treffen zu müssen. Man geht offenkundig davon aus, dass es sich um rohe, barbarische Völker handelt, die in kriegerischer Bemalung das Land heimsuchen.

Das sind Zerrbilder, die Anlass zu Häme geben, über die die Medien aber besser nicht die Nase rümpfen sollten: Sie haben die Schreckbilder durch das grelle Ausmalen möglicher Auswüchse mit heraufbeschworen. Sie haben dazu beigetragen, dass viele, denen die Poesie des Spiels fremd ist, ein proletarisiertes Bild vom Fußball und seinen Fans haben.

Sie wissen nicht, dass die große Mehrheit gekommen ist, um vom Zauber des Spiels und des gemeinsamen öffentlichen Schauens berührt zu werden; um große Gefühle zu durchleben, wie sie nur der Fußball weltumspannend zu wecken vermag. Sie sind gekommen, um, wie die Engländer sagen, eine große Zeit zu haben und sie mit anderen zu teilen. Auch mit den Gastgebern.

Wenn sich aber die Host City, wie der Gastgeber im Überschwemmungsenglisch der Uefa heißt, ihren Gästen kleinmütig verschließt, wird sie keinen guten Gastgeber abgeben. Dann wird sie die Chance dieses Vielvölker-Karnevals nicht wahrnehmen: sich als anmutiges, offenes, begeisterungsfähiges Land zu zeigen, in das man gerne wiederkommen möchte.

Fußball ruht auf dem Prinzip Hoffnung. Deshalb erlischt seine Anziehungskraft nie. Wenn Österreichs Spieler heute den Erwartungen gerecht werden, wird das die Stimmung im Land beflügeln. Das wird die Ängste klein machen. ****

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