"Kleine Zeitung" Kommentar: "Diverse Rand-Erkenntnisse eines Fußball-Agnostikers" (Von Frido Hütter)

Ausgabe vom 07.06.2008

Graz (OTS) - Wer dieser Tage bekennt, dass ihn die EM nicht interessiere, darf selbst aus Intellektuellenkreisen Geringschätzung erwarten. Im günstigsten Fall hört er, er habe das Wesen des Fußballs nicht verstanden.

Seltsam: Es gibt keine Pflicht, sich für Tennis, Boxen, Hockey, oder Bodenturnen zu begeistern. Und selbst als Bürger einer Schifahrer-Nation darf man offener Schneeverächter sein.

Anders beim Fußball. Wer sich der angeblich kollektiven Begeisterung verweigert, laut aktueller Studie sind das immerhin 37 Prozent aller Österreicher, gilt als ignoranter Spiel-Verderber.

Nicht dass das Treiben auf dem grünen Rasen prinzipiell abzulehnen wäre. Wenn sich beispielsweise die Chance bietet, ManU gegen Chelsea zu sehen, sollte man das einem New- Dance-Abend oder auch klassischem Ballett durchaus vorziehen. Das ist purer Kunstgenuss. Selbst wenn einem dann das Endergebnis egal ist.

Was aber macht Fußball so ungewöhnlich, dass seine An-hänger die restliche Welt mit der überlegenen Gewissheit von Missionaren betrachten? Ein paar Erhellungsversuche:

In der Tat haftet der Sache etwas Quasi-Religiöses an. Wenn beispielsweise Torschützen nach geglücktem Vollzug auf die Knie fallen, Blick und Arme gen Himmel richten, als habe ER den Ball mitgelenkt.

Aber es gibt auch ganz irdische Aspekte. Wie alle Teamspiele vereint Fußball breite Zusammenarbeit (Spielaufbau) und individuelle Leistung (Torschütze & Tormann). - Ein archaisches System. So operierten auch die frühesten Jäger.

Für Millionen junger Buben war und ist dies eine erste Sozialisationsform: Wirklich jeder kann es nach ganz oben schaffen, wenn er gut genug ist und das ihn umgebende Netzwerk sinnvoll zu nutzen lernt.

Weiters vereinen sich Kooperation und Kampf: Wir alle gemeinsam gegen die anderen. Das spiegelt sich auch im Publikum wider.

Die Anerkennung einer obersten Instanz in Gestalt des Schiedsrichters: Hier darf man streiten, ob dies ein feudalistischer Aspekt ist oder eine nö-tige Vorform von Demokratie.

Die Erzeugung eines euphorisierenden Wir-Gefühls im Falle eines Erfolges: Der Sieg gehört dem ganzen Stadion, dem ganzen Land. Die Niederlage tragen Mannschaft und Trainer stets allein.

All das erklärt auch den immer noch geringeren Anwert dieses Sports bei den Frauen: Sie neigen kaum zur Rudelbildung, kämpfen um ihr Leben, ihre Liebe, um ihre Kinder, aber selten um einen Ball. - Aber das ist ja auch irgendwie archaisch.****

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