Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Das Stimmungsmatch"

Ausgabe vom 7. Juni 2008

Wien (OTS) - Deutschland hat durch die Fußballweltmeisterschaft eine Optimismus-Injektion bekommen. Wird das auch in Österreich passieren? Wird jetzt Alfred Gusenbauer wie einst Angela Merkel über Nacht von einem glücklosen zu einem Teflon-Kanzler werden, an dem jede Misshelligkeit abprallt? Wird die Euro unser leichtfertiges Budgetdefizit ebenfalls in einen Überschuss verwandeln?

Bleiben wir nüchtern. Der deutsche Stimmungswandel war einzig durch die Erfolge der davor abgeschriebenen Nationalmannschaft ausgelöst worden. In jener Euphorie fanden es die Deutschen sogar positiv, dass es bei den Spielen "nur" 9000 polizeiliche Festnahmen gab. Ob Österreichs Team ein ähnliches Aufwärts-Potenzial entwickeln wird?

Gelingt das nicht, dann könnten leicht die negativen Aspekte wie das prophezeite feuchte Wetter (für das nun wirklich niemand etwas kann) die Stimmung beherrschen. Oder die vielen selbstverschuldeten Pannen: Dazu gehören etwa die Wurstelprater-Pleite; oder das durch die Platzierung der Wiener Fanzone schon vor der Euro ausgelöste Verkehrs-Chaos; oder das an eine Besatzungsmacht erinnernde Diktat der Uefa (dem niemand einen erkennbaren Widerstand entgegengesetzt hat). Diese will sogar das Roten Kreuz am Tragen der eigenen Uniformen hindern und verschafft einem hierzulande wenig populären ausländischen Bier ein teures Fanzonen-Monopol. Ähnlich wie in Kolonialzeiten die Briten den Indern ein Salzmonopol aufgezwungen haben (gegen das dann Mahatma Gandhis Salzmarsch dramatisch aufbegehrt hat).

Trotz aller Ärgernisse: Österreichs Zukunft wird nicht durch die Euro entschieden - und schon gar nicht durch die (nebstbei gefährlichen) Fähnchen an Autos. Die zum Gutteil von Zeitungen verbreitet worden sind, die seit Monaten in einem an totalitäre Bewegungen erinnernden Ton gegen das demokratische System Österreichs hetzen.

Entscheidend ist in Wahrheit nur, ob dieses Land an sich glaubt. Ob es sich von der Pensionsfrage über die Universitäts-, Demographie-und Gesundheitsprobleme bis hin zur Steuerdebatte mutig gegen Populismus und für Lösungen entscheidet, die nachhaltig funktionieren. Ganz ohne das Schlawinertum, das etwa eine neue Umfrage zeigt: Die große Mehrheit verlangt die Rettung der AUA -entscheidet sich aber beim Buchen für andere Linien.

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