Ein Land auf der Tribüne

"Presse"-Leitartikel, vom 7. Juni, von Michael Fleischhacker

Wien (OTS) - Beim Verlieren zuschauen - das tun wir am liebsten.
Die Euro kann beginnen.

Alles wird gut. Alfred Gusenbauer bleibt Parteichef, bis Gabriele Burgstaller einen Therapeuten gefunden hat, der ihr dabei hilft, die morgendliche Zeitungslektüre ohne spongiforme Überraschungszusammenbrüche zu überstehen. Die Regierung zerbricht nicht, weil in dieser Konstellation so viel Spannung steckt wie in einem Hans-Moser-Western unter der Regie von Harald Serafin. Und die Abgeordneten widmen sich nach einem zwischenzeitlichen Autonomieexzess wieder hingebungsvoll der Administration ihrer persönlichen Verzichtbarkeit.
Die Euro kann beginnen.
Das politische Österreich verbringt die kommenden drei Wochen auf der Tribüne. Das ist ohnehin ihr Ort: Auf dem Spielfeld hat das politische Establishment seit langem nichts verloren. Im günstigsten Fall kann man das Agieren dieser Regierung und ihrer Angestellten im Nationalrat als teilnehmende Selbstbeobachtung interpretieren. "Wichtig ist, dass wir gewinnen, alles andere ist primär", hat Hans Krankl einmal vor einem Spiel gesagt. Eine perfekte Beschreibung der politischen Wirklichkeit seines Landes.
Wie weit der Anpassungsprozess der Medien an die Selbstdemontage der politischen Klasse in Österreich fortgeschritten ist, zeigen die Diskussionen darüber, welcher Minister wie viele Tickets welcher Kategorie geordert und dann unter Absonderung größerer Mengen Angstschweißes an die Gewinner von Zivildienerschießwettbewerben verschenkt hat, um sich die Spiele selber in der Kantine seines Hauses auf einem alten Röhrenfernseher anzuschauen. Dass der Minister eines Euro-Veranstalterlandes selbstverständlich über ein angemessenes Kartenkontingent zu seiner Verwendung verfügen soll, hat im hochelaborierten Ehrenkodex unserer Special Political Olympics einfach keinen Platz.

Sozialpartnerschaftliche Regionalligatruppe

Das wäre noch nicht weiter schlimm. Politiker, die sich von weggekippten Publizisten vor sich her treiben lassen, gibt es immer und überall, hier mehr, dort weniger. Das zentrale Problem des Euro-Veranstalterlandes Österreich besteht darin, dass inzwischen tatsächlich das ganze Land auf der Tribüne sitzt, um sich aus sicherer Entfernung das eigene politische Leben anzuschauen. Von dort aus sehen die Österreicher offenbar mit Wohlgefallen zu, wie sich die Herren Tumpel und Leitl gemeinsam mit dem Rest der sozialpartnerschaftlichen Regionalligatruppe an ihre verfassungsmäßige und praktische Entmündigung machen. Vom Kindergarten bis zum Pflegeheim reicht das Repertoire an Veranstaltungen, an denen die Bürger nicht mehr als aktive, entscheidende Teilnehmer aufscheinen.
Dass nach dem "Fahnenerlass" des Verkehrsministers in Österreich allen Ernstes so etwas wie eine "Patriotismus-Debatte" geführt wurde, mutet vor diesem Hintergrund wie ein besonders böser Witz an. Die Botschaft lautet: "Seid stolz auf dieses Land, ihr habt nichts damit zu tun." Und die Botschaft wird verstanden. Die Österreicher werden sich weiterhin an einem politischen System festkrallen, das mit einer liberalen Demokratie eher sehr entfernt zu tun hat.
Dieses Verhalten erinnert an die zwanghaften Fans schlechter Mannschaften, die sich jede Woche bewusst derselben Frustration aussetzen: Man zahlt, setzt sich auf die Tribüne und sieht zu, wie man verliert. Und hat irgendwie den Eindruck, dass solche Niederlagen dazu da sind, einen als Zuseher persönlich zu beleidigen. Vielleicht stimmt das ja auch: Letztendlich ist es eine Art sozialpartnerschaftlicher Fußball, mit dem sich unsere Nationalmannschaft traditionellerweise bei den Gegnern beliebt macht. Einen Vorteil aber hat das alles doch auch: Österreich ist das perfekte Gastgeberland für so gut wie alles. Friedlich, freundlich, fröhlich. Das wird sich während der kommenden drei Wochen bemerkbar -und bezahlt - machen.

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