DER STANDARD-Kommentar "Das große EURO-Fremdeln" von Fritz Neumann

"Wie mit dem Großereignis umgehen? Österreich weiß es nicht und hofft nur auf Siege" - Ausgabe 7./8.6.2008

Wien (OTS) - Vergesst das Fußball-Nationalteam. Mag ja sein, dass Josef Hickersberger und seiner Mannschaft etwas gelingt. Und nicht jeder, der ein Fähnchen an seinem Auto montiert, muss Krone-Leser und nicht jeder Krone-Leser muss ein Chauvi und EU-Hasser sein. Soll uns nichts Schlimmeres passieren als das eine oder andere Autofähnchen. Das Land hat andere Probleme, ein anderes Problem, um genau zu sein. Denn insgesamt geht Österreich, sieht man von jenen 23 ab, die Hickersberger in der Mangel hatte, unvorbereitet in die EURO.
Weder sind die Menschen auf das wahrscheinliche ÖFB-Abschneiden gefasst, auf das Vorrunden-Aus, das mit drei Niederlagen automatisch einhergeht, noch ist dem Land klar, was eine Veranstaltung dieser Größenordnung bewegt. Vor allem, wie viele Menschen sie bewegen und wozu sie einige wenige dieser Menschen bewegen kann. Deutsche Journalisten, die sich in Klagenfurt umsahen, wo am Sonntag Deutschland auf Polen trifft, wundern sich, wie schlecht gerüstet die Stadt sich zeigt. Seriöse Agenturen melden, dass "Österreichs Politiker die Gefahr verharmlosen".

Wer so gerne von der Fußball-WM 2006 in Deutschland schwärmt, der vergisst geflissentlich, dass damals vor Deutschland gegen Polen mehr als 400 polnische Fans festgehalten und am Stadionbesuch gehindert wurden. Die Polizei argumentierte, sie hätte Randale verhindert. Die Polen wiederum empörten sich. Tatsächlich traf die aus dem Bauch getroffene "Entscheidung zugunsten der Sicherheit" viele Unbescholtene.

Rasch wird EUROphorie zu EUROphobie. Man bedenke, dass die gute WM-Stimmung in Deutschland auf zwei Pfeilern ruhte, dem guten Spiel des Heimteams und dem guten Wetter. Skurrilerweise und leider hängt auch die EURO-Einstellung einer großen österreichischen Mehrheit allein vom Abschneiden der österreichischen Kicker ab. Dabei finden insgesamt 31 wunderbare Fußballspiele statt, 16 davon in Österreich, davon wohl nur drei mit Heimteam-Beteiligung.
Was der Hickersberger-Mannschaft gelingen sollte? Vielleicht macht sie es spannend, vielleicht hält sie da und dort mit, vielleicht tritt sie ordentlich auf. Natürlich wird man noch hoffen dürfen. Doch Hoffnung ist nicht gleich Vorfreude. In Österreich wächst die Hoffnung auf Siege mit der Anzahl der Niederlagen. Aktuell wurde sie durch Niederlagen gegen Deutschland und die Niederlande geweckt, de facto klare Niederlagen. Und doch reden ansonsten überlegte Menschen von möglichen Erfolgen, vom Viertelfinale gar und davon, dass "dann alles möglich" wäre.
Sie gliedern sich ein, greifen zum Pronomen der ersten Person Plural. "Wir" wollen es "euch" jetzt zeigen. Schließlich geht es um "unser" Image, und "wir", die wir stets unser Image polieren wollen, wenn jemand von draußen daran kratzt, sitzen stets in der ersten Reihe, diesmal halt im Stadion. Doch "wir", die da am Sonntag gegen Kroatien antreten, sind nach einer Niederlage sehr rasch wieder "sie", und sie oder gar "die" haben es dann wieder vergeigt.
Österreich weiß nicht so recht. Es herrscht das große Fremdeln mit der EM, sowohl bei Behörden, die nicht wissen, was sie erwartet, als auch unter den Fans. Die Frage ist, wann sich das Fremdeln legt und ob es sich überhaupt legen kann, sollte Österreichs Team verlieren. Erwachsener, gelassener Patriotismus muss unabhängig sein von Sportergebnissen. Dann stellt es ihn nicht vor Probleme, Niederlagen zu verkraften. Am Ende geht es wahrscheinlich darum, als guter Verlierer sympathisch zu wirken. Dieses EURO-Ziel sollte man nicht aus den Augen verloren haben.

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