"Kleine Zeitung" Kommentar: "Eine Schale Reis für alle ist wichtiger als die Kreditkrise" (von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 04.06.2008

Graz (OTS) - Zahlen können das Ausmaß des Hungers nicht gut veranschaulichen. 823 Millionen Menschen sind heute vom Hunger bedroht - das ist schlimm, aber irgendwie nicht recht vorstellbar. Erschütternd präzise ist hingegen eine Dokumentation des UN-Hilfswerks "World Food Programme", wie sich das Leben der Menschen in den armen Ländern etwa Afrikas wegen der steigenden Lebensmittelpreise verändert.

Schon die Mittelklasse ist gezwungen, wegen der hohen Preise fürs Essen ihre Krankenversicherung zu kündigen und Fleisch vom Speisezettel zu streichen. So kann man aus einer Mahlzeit drei machen. Die "normalen" Armen mit rund zwei Dollar Einkommen am Tag schicken die Kinder nicht mehr in die Schule, weil sie das Schulgeld nicht haben. Es gibt weniger gesundes Gemüse, damit wenigstens Reis auf den Tisch kommt. Die Armen, die mit einem Dollar am Tag auskommen müssen, streichen alles andere vom Speiseplan, damit sie wenigstens eine Schale Reis oder Getreidebrei haben. Und die Verzweifelten, die nicht einmal einen Dollar haben - und die gibt es zu Millionen und Abermillionen -, stehen schlicht vor dem Nichts.

Zusammen gibt das eine Milliarde und mehr Menschen, die entweder echt Hunger leiden oder sich wegen der Teuerung schlechter ernähren müssen und zudem Lebens- und Zukunftschancen verlieren. In den letzten Wochen kam es zu Tumulten und Hungerrevolten in vielen Ländern.

Die Gipfelkonferenz der UN-Ernährungsorganisation FAO in Rom kann und muss zwei Ergebnisse bringen: eine rasche Soforthilfe der reichen Staaten, um Millionen vor dem unmittelbaren Hunger zu bewahren, und ein Bekenntnis zum Umdenken in der Entwicklungspolitik. Drei Jahrzehnte wurde die Hilfe zur Entwicklung der Landwirtschaft in den armen Ländern vernachlässigt. Das hat diese Länder abhängig und die Agrarkonzerne reich gemacht.

Der Teil der Welt, der durch Glück und die Tüchtigkeit seiner Menschen im Reichtum schwimmt - und wir gehören dazu, auch wenn das manche Populisten ganz links und ganz rechts nicht hören wollen -, muss seine Verantwortung für die weniger Glücklichen und weniger Tüchtigen wahrnehmen. Die Zahl der Weltbevölkerung steigt, es muss mehr Landwirtschaft dort geben, wo die Menschen leben. Mehr Subventionen für Agrarindustrien reicher Länder sind keine Lösung.

Es ist an der Zeit, dass die Hungerkrise von allen in den reichen Ländern wenigstens so ernst genommen wird wie die Kreditkrise. ****

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