"Kleine Zeitung" Kommentar: "Soll wirklich der Computer bei Pensionen das Sagen haben?" (Von Wolfgang Simonitsch)

Ausgabe vom 31.5.2008

Graz (OTS) - Das Unwort des Jahres dürfte bereits gefunden sein:
"Pensionsautomatik" ist aussichtsreicher Anwärter. So heißt die jüngste politische Wortkreation von Rot-Schwarz, die sich auf ein kompliziertes Rechenwerk geeinigt haben, um das Pensionssystem in eine ferne Zukunft zu retten. Laut ÖVP kann damit ihr 2003 als "Pensionssicherungsreform" verkauftes Modell "nachhaltig" abgesichert werden.

Nachhaltige Pensionsautomatik - klingt nicht übel. Leider ist dies pure Propaganda.

Das beweist schon ein Blick ins Lexikon. Dort wird "Nachhaltigkeit" laut Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Report) so definiert: "Eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen". Dieser Anspruch zeigt das ganze Dilemma. Ob sie es selber glauben oder nicht: Arbeits- und Sozialminister tun so, als könnten sie mit einer Rechenformel Chancengleichheit der Generationen und so "Nachhaltigkeit" produzieren.

Tatsächlich läuft das rot-schwarze Modell darauf hinaus, dass Unter-40-Jährige weit über die aktuelle Pensionsantrittsschwelle von 65 Jahren werden arbeiten, dass sie ihr Arbeitsleben lang stetig wachsende Pensionsbeiträge zahlen und sie sich dann mit einer relativ viel geringeren Rente werden begnügen müssen.

Solche Ahnungen dürften der Grund sein, warum etwa die Sozialistische Jugend laut aufheult. Sie lehnt die Pensionsautomatik ab, die nur eine Richtung kennt: Wenn die Lebenserwartung weiter steigt, was sie zweifellos tun wird, und damit auch der Aufwand für die Pensionen wächst, wird die Last für die Beitragszahler immer größer. Weil der Staat laut neuem Modell nur 20 Prozent der Zusatzkosten übernehmen, den Großteil an Aktive abwälzen will. Ein kleines Zusatzpinkerl dürften auch noch die Pensionisten umgehängt bekommen, weil bei zu stark steigenden Kosten deren jährliche Pensionserhöhung schmäler, unter der Inflationsrate ausfallen soll. Das Geschrei wird groß sein.

So wird es auch nicht funktionieren. Die Idee, das Pensionssystem per Computer mit einer Rechenformel stabilisieren zu wollen, wurde aus Mangel an politischem Mut geboren. Eingeweihte Experten prophezeien trotzdem, der Bundeszuschuss zu den Pensionen werde weiter steigen, letztlich sogar verdoppelt werden müssen. Fürs richtige Balancieren und Drehen an den Schrauben des Systems braucht es Politiker aus Fleisch und Blut mit Herz und Hirn - und keine seelenlose Pensionsmechanik.****

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