"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Die EURO-Flaggen und das Vaterland"

Jetzt kommt die Zeit der patriotischen Gefühle. Es soll nix Ärgeres passieren.

Wien (OTS) - Ein Patriot "ist jemand, der sein Vaterland liebt;
ein Nationalist ist jemand, der die Vaterländer der anderen verachtet": Diese feine Unterscheidung stammt vom ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau, einem Sozialdemokraten, bekennenden Christen und Pazifisten. Danach ist Patriotismus
positiv zu sehen, so lange er nicht als aggressiver Chauvinismus und Fremdenfeindlichkeit daherkommt.
Die Grenzen sind aber nicht eindeutig. Daher konnten patriotische Gesten und Gefühle in der Geschichte oft missbraucht werden. Der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Nation und an die Minderwertigkeit der anderen führte geradewegs zum Rassenwahn der Nazis.
Nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten waren patriotische Symbole verpönt. Der "Tag der Fahne" war der Versuch der Staatsführung, die Bürger gefühlsmäßig an ihre Republik zu binden. Die Normalisierung brauchte Zeit. Sie ist bis heute nicht ganz erreicht. - Schweden, Dänen, Engländer, Franzosen haben ein freudiges, stolzes Zusammengehörigkeitsgefühl, das sie mit großer Selbstverständlichkeit auch zeigen. Wenn ein Däne vor seinem Haus das "dannebrog", die rote Nationalflagge mit dem weißen Kreuz, hisst, wundert das dort niemand. In Österreich ist dergleichen schwer vorstellbar. Allenfalls am 1. Mai hängen manche einen rot-weiß-roten Wimpel zum Fenster hinaus.
Doch die EURO im eigenen Land ändert manches. Fan-Artikel mit patriotischen Abbildungen sind eine Woche vor dem ersten Spiel beinahe ausverkauft. In den Straßen sind auf Autos ungezählte Flaggen zu sehen.
Diese kecke Vorfreude, diese sichtbare Begeisterung - dürfen s’ denn das? "Österreich ist rechtzeitig vor der Fußball-Europameisterschaft auf dem besten Weg zum Primitiv-Chauvinismus", murrt der Falter. Die Fähnchen seien "ein Symbol des Gegeneinanders, nicht des Miteinanders". Und: In Deutschland, bei der Fußball-WM 2006, sei alles ganz anders, viel besser gewesen.
Doch wer in Deutschland dabei war, weiß, dass dort nicht nur Party-Stimmung herrschte. Die Inszenierung als friedliches Fest war perfekt, die Realität eine andere. Es gab allein beim WM-Spiel Deutschland - Polen mehr als 400 Festnahmen, es gab Gewaltszenen, Alkoholexzesse und Hooligans. Stephen Barrett/BBC hat darüber eine sehenswerte Dokumentation gedreht. Und im berühmten Fußballerfilm von Sönke Wortmann ist der deutsche Trainer Klinsmann zu hören, wie er seine Spieler anbrüllt : "Das lassen wir uns nicht nehmen! Von niemandem! Schon gar nicht von den Polen!"
Abgesehen vom schiefen Deutschland-Vergleich: Durch die rot-weiß-roten Fähnchen wird niemand bedroht, niemand beleidigt. Diese Flaggenparade ist, bis auf Weiteres, eine harmlos-vergnügte Demonstration von Fußballfans, die selbst wissen, dass "ihr" Team nicht Europameister wird. Wenn es keine ärgeren Manifestationen von Nationalstolz und Selbstgefühl gibt, hat Österreich zumindest dieses Match gewonnen.

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