Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Der Preis des Alterns"

Ausgabe vom 30. Mai 2008.

Wien (OTS) - Es gibt sie noch, die guten Nachrichten aus der Politik: Die Koalition hat sich geeinigt, wie man automatisch und ohne lange Debatten auf die steigende Lebenserwartung reagiert. Damit hat - glauben wir es halt einmal - das regelmäßige unwürdige Gezerre um die Pensionen ein Ende.

Folgen für das Pensionssystem sind ja auch absolut zwingend, wenn die Österreicher regelmäßig alle fünf Jahre im Schnitt ein volles Jahr älter werden. Und wenn seriöse (also nicht von Interessenvertretern gemachte) Studien zeigen, dass 60-Jährige heute so gesund und vital sind wie einst die 50-Jährigen. Daher ist ein regelmäßiger Anstieg des Pensionsantrittsalters sinnvoll wie logisch. Deutsche Sozialdemokraten haben dafür schon vor Jahren die Zahl 67 vorgeschlagen.

Viel weniger sinnvoll ist aber der Beschluss, auf das Älterwerden auch durch Erhöhung der Beiträge und Senkung der Pensionen zu reagieren. Das erste erhöht die Arbeitslosigkeit. Das zweite ist eine unsittliche Bestrafung der dagegen wehrlosen Pensionisten, von denen jeder zweite bereits seit 2000 massive reale Kürzungen seiner Bezüge in Kauf nehmen musste. Selbst freiwillig Höherversicherte wurden praktisch enteignet (wobei gilt: schön blöd, wer dem Staat beziehungsweise Sozialpartner-Funktionären sein Geld anvertraut).

Alles andere als logisch und sinnvoll ist auch, dass die Regierung gleichzeitig eine total gegenläufige Maßnahme beschließt, nämlich eine Verlängerung der Hacklerregelung. Hinter diesem hässlichen Wort verbirgt sich ja nichts anderes als ein bequemer Weg in die Frühpension bei ungekürzten Bezügen. Und ärgerlich ist ferner, dass es keine effektiven Maßnahmen gegen den plötzlichen Anstieg der Invaliditätspensionen gibt. Der geht ja offenbar darauf zurück, dass wieder einmal Ärzte (als gut-willige Gut-achter) opportunistisch an einem Ast des Sozialsystems sägen.

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Die Spitzenwissenschafterin Renée Schroeder ist auch mutig. Sie wagt es, den deutschen Numerus clausus gegenüber dem österreichischen System "Hauptsache Matura" zu loben. Dabei lernen die deutschen Schüler nämlich, im Wettbewerb (pfui) um gute Noten (pfui) zu kämpfen und werden dadurch besser als die hiesigen.

Der österreichische Schulminister ist aber noch nicht geboren, der daraus Konsequenzen zöge.

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