DER STANDARD-KOMMENTAR "Vom Einsatzheer zum Berufsheer" von Conrad Seidl

Die Argumente für die Wehrpflicht stehen auf wackeliger Basis - Ausgabe vom 21.5.2008

Wien (OTS) - Es gibt viele gute Gründe für die allgemeine Wehrpflicht. Sie treffen allerdings auf die Situation des österreichischen Bundesheeres immer weniger zu.
Zwar stimmt es, dass sich ein kleines, schwach gerüstetes Land nur mit einer großen Masse von Wehrpflichtigen gegen überlegene Feinde stemmen kann - aber dieses Szenario besteht seit dem Wegfall der Blockkonfrontation und der Einbindung Österreichs und seiner Nachbarn in die EU einfach nicht mehr.
Auch ist wahr, dass die Wehrpflicht die jungen Männer in eine "Schule der Nation" zwingt - aber was an Staatsbürgerkunde und Demokratiebewusstsein zu lernen ist, kann man wohl im Regelschulwesen besser vermitteln.
Und dass das Heer "in der Bevölkerung verankert" würde, wenn möglichst alle Männer einmal dabei waren, glaubt wohl auch niemand ernsthaft: Es ist ja leider umgekehrt so, dass die Männer, die nach sechs Monaten abrüsten, ziemlich demotiviert sind und das Bundesheer weniger schätzen als beim Einrücken.
Das ist kein Wunder: Wer als Rekrut Grundwehrdienst leistet, bekommt das echte Bundesheer nur aus der Entfernung zu sehen. Das Bundesheer ist ja - wie immer wieder versichert wird - eigentlich eine Einsatzarmee geworden: Im Kosovo und im Tschad, in Jerusalem und in Sarajewo tut die Elite der österreichischen Berufssoldaten und eine hochmotivierte Gruppe von Milizsoldaten Dienst.
Die Truppenteile im Inland sind dagegen immer mehr mit der Ausbildung von Rekruten beschäftigt, die in kurzen Abständen für wenige Monate einrücken, halbwegs mit dem Kasernenleben vertraut gemacht werden müssen, aber keine waffengattungsspezifische Ausbildung bekommen. Einige wenige lassen sich nicht frustrieren und bleiben dann für längere Zeit beim Heer - wobei ein hoher Anteil dieser wenigen dann wieder zu lange, nämlich bis zur Pensionierung, bleibt, was dem Bundesheer den Charakter eines wenig effizienten Beamten-Heeres gibt. Damit muss Schluss sein: Berufssoldaten müssten in der Regel nach wenigen Jahren das Heer wieder verlassen. Wer sich ernsthaft mit der Idee eines Berufsheers befasst, der weiß, dass das mit der Masse der heute beamteten Soldaten nicht zu machen ist.
Ein modernes Heer braucht immer wieder neue Soldaten. Aber man muss dafür nicht jedes Jahr einen ganzen Jahrgang junger Männer einberufen. Da ist es viel effizienter, jene Männer und Frauen gezielt zu suchen, die man für den Soldatenberuf brauchen kann. Diese kann man dann - für ordentlichen Sold, wohlgemerkt - zu Profis ausbilden und als solche einsetzen. Nach einigen Jahren könnten sie aus dem Aktiv- in den Milizstand wechseln. So würde auch aus einem Berufsheer eine beachtliche Reservekomponente entstehen. Die notwendigen Kopfzahlen für Einberufungen bei wirklich großen Herausforderungen würden auf diese Weise gewährleistet - und die Qualität der Milizsoldaten (die ja künftig alle ehemalige Berufssoldaten wären) wäre zumindest so gut, wie sie es heute ist. Zwei Einwände bleiben: Würde Österreich bei einer Systemumstellung auf ein Freiwilligenheer wirklich die notwendigen Mittel bereitstellen? Das darf nach den Erfahrungen früherer Heeresreformen bezweifelt werden - die finanzielle Komponente der entsprechenden Beschlüsse wurde nie eingehalten. Und noch etwas bleibt zu bedenken:
Wenn es keine zwangsverpflichteten Zivildiener gibt, müsste auch in den Sozialberufen endlich marktgerecht bezahlt werden. Aber das spricht eher für ein Freiwilligenheer als dagegen.

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