Die Helden von gestern

"Presse"-Leitartikel, vom 21. Mai 2008, von Oliver Pink

Wien (OTS) - Die 68er waren Katalysatoren einer Entwicklung, die wohl auch ohne sie stattgefunden hätte.

Von Karl Marx, der um 1968 im Westen wiederentdeckten Ikone der Linken, stammt bekanntlich die Weiterentwicklung einer These von Georg Wilhelm Friedrich Hegel: "Die Weltgeschichte ereignet sich zweimal: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce." Wenn man also die Französische Revolution als das dramatische Ureignis nimmt, dann könnte man in der Revolte von 1968 dessen Wiederholung in operettenhafter Form sehen - nicht nur weil sich das eine wie das andere mit Paris assoziieren lässt.

Beide Ereignisse haben die Welt verändert, das eine mehr, das andere weniger. Beide haben ihre Opfer gefordert: tausende Tote durch den Terror der Jakobiner und Sansculotten, einige Dutzend durch den Terror der RAF oder der Roten Brigaden.

Was die beiden vorwiegend von jungen Menschen aus bürgerlichen Elternhäusern getragenen Aufstände aber mehr als alles andere verbindet: Beide sind gescheitert, wenn man sie an ihren radikalen Ansprüchen misst. Auf die Französische Revolution folgte die Restauration. Das kapitalistisch-freiheitliche System blieb auch nach der Revolte von 1968 bestehen. Doch deren Ideen wirkten unterschwellig weiter und sie veränderten langfristig die Gesellschaft.

Die sexuelle Befreiung, die Emanzipation der Frau, eine kritische Haltung gegenüber Autoritäten, ein kinderfreundlicheres Erziehungssystem, die Auseinandersetzung mit den NS-Vätern und -Tätern - all dies gilt gemeinhin als Errungenschaft der 68er-Generation. Und der Orden für diese Verdienste, von denen wir heute profitieren, sei den 68er-Veteranen von Herzen gegönnt. Und auch ihre Musik, das sei ebenfalls gerne zugestanden, hören wir Spätgeborene immer wieder gerne.

Eine ketzerische Frage sei mit dem Respektabstand von 40 Jahren jedoch gestattet: Hätte sich die Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht ohnehin liberalisiert - auch ohne die Exzesse der Achtundsechziger? Die da wären: die schon erwähnte politische Radikalisierung, die im Terror der Roten Armee Fraktion und anderer Großstadt-Guerrillas kulminierte, die Verachtung traditioneller Bindungen, eine gewisse Selbstgerechtigkeit und Intoleranz im Umgang mit Andersdenkenden, die Verherrlichung des Konsums bewusstseinserweiternder Substanzen.

Die Voraussetzung für die Gleichberechtigung von Mann und Frau wurde vor allem im Labor, nicht auf den Straßen geschaffen: die Anti-Baby-Pille. Die künstlerische Avantgarde marschierte schon in den Fünfzigerjahren los. Und auch die Auseinandersetzung mit den in neuem pseudo-demokratischem Gewande wieder aufgetauchten NS-Systemerhaltern wurde von Intellektuellen schon in den Fünfziger-und frühen Sechzigerjahren geführt.

Für die Achtundsechziger zählte all das wenig: In jenen Jahren wurden auf der Uni sogar sozialdemokratische und liberale, unbestritten antifaschistische Professoren als kryptofaschistische Vertreter des "Schweinesystems" verachtet. Als "linken Faschismus" empfand der Philosoph Jürgen Habermas, selbst Vertreter der 1968ff. zu Berühmtheit gelangten "Frankfurter Schule", diesen Furor seiner Studenten.

Götz Alys umstrittene Streitschrift "Unser Kampf 1968", in welcher der Konvertit die linksextreme 68er-Generation mit der rechtsextremen 33er-Generation gleichzusetzen versucht, ist auch als Rehabilitations- und Entschuldigungsschrift für den sozialliberalen Politikwissenschaftler Richard Löwenthal zu verstehen. Der deutsch-jüdische Gelehrte, erst KPD-, dann SPD-Mitglied, war anno 1968 von den Studenten der Freien Universität Berlin besonders rüde behandelt und als finsterer Reaktionär geschmäht worden.

War die Liberalisierung der Gesellschaft der westlichen Hemisphäre also wirklich nur das Werk der Revolutionäre von 1968? Nein. Sie hätte auch ohne sie stattgefunden. Den Achtundsechzigern kann aber immerhin anerkennend nachgesagt werden, dass sie als Katalysator dienten, dass sie die Entwicklung möglicherweise beschleunigten.

Die "Ho, Ho, Ho Chi Minh"-Rufe von damals hallen jedoch nach wie vor befremdlich nach. Wie auch die Lobgesänge auf andere linke Diktatoren und Desperados. Altersweise, wie sie geworden sind, haben - 40 Jahre danach - aber auch die meisten Alt-Achtundsechziger eingesehen, dass sie falschen Idolen nachgelaufen sind. Und jenen, die das noch immer nicht eingesehen haben, ist ohnehin nicht zu helfen.

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