Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Respekt a.D."

Ausgabe vom 21. Mai 2008

Wien (OTS) - Endlich ist einem dringenden Bedürfnis der Nation abgeholfen: Das Parlament hat vier Maskottchen bekommen und jedes von ihnen mit einem Namen versehen. Das wird die Popularität unserer Volksvertreter zweifellos ins Unermessliche steigern.

Die Bürger werden fortan freudig die vielen Unsinnigkeiten hinnehmen, für die sie ob der von diesem Parlament beschlossenen Gesetze fast die Hälfte ihres Einkommens abliefern müssen. Und sie jubeln zweifellos noch mehr, seit das Parlament zu einem Fußballplatz geworden ist (offenbar in Vorwegnahme der Euro, während der die Volksvertreter ja nicht mehr zu tagen gewillt sind).

Ist man ein Miesmacher, wenn man meint, dass die Damen und Herren des Tempel-Imitats am Ring ihre Würde besser wahren sollten? Immerhin sind sie - mit nur wenigen Einschränkungen - die oberste Macht im Lande. Neben der Produktion oft unnötiger Gesetze hängt es daher auch sehr stark von ihrer Selbstpräsentation ab, ob sie bei den Untertanen auf Respekt oder nur noch auf verächtlich geballte Fäuste stoßen. Ein Parlament ist eben kein Kommerz- und Hetz-Event wie die Fußball-Euro.

Die Vokabel Würde und Respekt sollten sich aber etwa auch jene Richter durch den Kopf gehen lassen, die in T-Shirts und Christus-Sandalen amtieren. Immerhin treten sie den Bürgern als unmittelbare Vertreter der Staatsmacht gegenüber. Die angelsächsische Justiz weiß hingegen sehr gut, warum sie ihre Richter verpflichtet, scheinbar lächerliche Perücken zu tragen.

Das wäre halt der neoliberale Zeitgeist: So wurde neulich diese öffentliche Würdelosigkeit verteidigt. Nichts falscher als das: Man betrete nur einen Tempel des Kapitalismus, eine Bank. Dort treten einem durchwegs ordentlich gekleidete Mitarbeiter gegenüber. Denn selbst jene Kunden, die noch nie eine Krawatte geknüpft haben, vertrauen ihr Geld seltsamerweise lieber Anzug- als Jeans-Trägern an.

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Das stärkste Argument, warum alle Staatsfirmen rasch privatisiert werden sollten, hat nun Staatssekretärin Kranzl geliefert: Sie fordert allen Ernstes ein Redeverbot für den AUA-Vorstand. Kein Wunder, dass eine Fluggesellschaft gegen die Wand fliegt, wenn dort jeder zweitrangige Politiker oder Sozialpartner an den Steuerknüppel zu greifen versucht. Ohne jede Kenntnis des Aktiengesetzes.

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