Aut idem in der Praxis

Wie es funktioniert und was sich für die Patienten ändert

Wien (OTS) - Aut idem ist eine neue, moderne Form der Medikamentenabgabe, die in 17 Ländern der EU bereits Realität ist. Laut aktueller Gesundheitsreform wird Aut idem ab dem Jahr 2010 auch in Österreich umgesetzt. Die Patienten erhalten mit ihrem Rezept entweder das aufgeschriebene Medikament oder ein wirkstoffgleiches Generikum in der Apotheke. Die Apothekerinnen und Apotheker spielen dabei eine tragende Rolle.

Seit zwei Wochen ist der Begriff "Aut idem" (auf Deutsch "oder das Gleiche") in aller Munde. Aut idem bedeutet, dass Apothekerinnen und Apotheker auf ein vom Arzt verschriebenes Medikament ein anderes, wirkstoffgleiches Arzneimittel abgeben können. Dabei handelt es sich um ein Arzneimittel, das sowohl vom Wirkstoff her als auch in seiner Wirkung gleichwertig ist. Diese Regelung wird für etwa 100 von insgesamt 1000 Wirkstoffen gelten. Für diese 100 Wirkstoffe gibt es bereits Nachbauprodukte von Originalpräparaten, also so genannte Generika. "Die Kunden bekommen bei Aut idem die beste medikamentöse Therapie. Heutzutage gibt es derart viele Medikamente mit demselben Wirkstoff, so dass wir in der Apotheke ein günstiges Präparat auswählen können", beteuert Mag.pharm. Heinrich Burggasser, Präsident der Österreichischen Apothekerkammer.

Die Eckpunkte der Aut idem-Regelung

Der Arzt verschreibt entsprechend der notwendigen Therapie entweder wie bisher ein konkretes Produkt (Medikamentenname) oder eben nur den Wirkstoff unter Angabe der Darreichungsform und der Dosierung.

Die Krankenkassen erstatten die Generika aus den jeweiligen Referenzgruppen innerhalb eines festgelegten Preisbandes.

Der Patient hat die Möglichkeit, auch Präparate außerhalb des Preisbandes zu beziehen, muss die Differenz zwischen Referenz- und Kassenverkaufspreis aber selbst tragen.

In begründeten Ausnahmefällen kann der Arzt die Aut idem-Regelung außer Kraft setzen.

Aut idem in Europa

Aut idem wird bereits in 17 Ländern der EU angewandt. In Deutschland ist die Generikaquote durch Aut idem im 1. Quartal 2008 auf mittlerweile 60 Prozent gestiegen, berichtete der Branchenverband Pro Generika Ende vergangener Woche. Österreich ist das 18. Land, in dem Aut idem eingeführt wird, um den Generikaanteil zu erhöhen. Der Generikaanteil in Österreich liegt bei rund 20 Prozent. Das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) hat errechnet, dass Aut idem zu einem jährlichen Einsparungsvolumen von rund 35 Mio. Euro führt. "Wir Apotheker unterstützen Aut idem, weil es eine sinnvolle Art zu sparen ist, ohne dass eine Verschlechterung für die Patienten zu befürchten ist", zeigt sich Mag.pharm. Leopold Schmudermaier, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer, zuversichtlich.

Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern funktioniert Aut idem. Schweden etwa besticht durch seinen sehr hohen Generikaanteil. Rund 45 Prozent aller Packungen, die in Schweden abgegeben werden, sind Generika und verursachen nur rund 13 Prozent der Medikamentenkosten. (Quelle: European Generic Medicines Association, Generic Market Shares in Europe 2006). Ein ähnliches Bild zeigt sich in den Niederlanden, wo 50 Prozent aller abgegebenen Medikamente Generika sind. Die Kosten dafür liegen allerdings bei lediglich 20 Prozent. Wie effizient bei Medikamenten gespart werden kann, zeigt sich auch in Dänemark, wo der Generikaanteil aller abgegebenen Medikamente bei 70 Prozent liegt.

Aut idem am Beispiel eines Lipidsenkers

Apotheker sind die Arzneimittelfachleute schlechthin. Die universitäre Ausbildung der Apotheker umfasst alle Aspekte, die Arzneimittel betreffen. Niemand weiß besser über Arzneimittel bescheid als die Apothekerinnen und Apotheker. Sie beschäftigen sich tagtäglich in ihrer Tätigkeit an und hinter der Tara mit Arzneimitteln. "Die Apothekerinnen und Apotheker haben den besten Überblick über aktuelle Medikamenten-Entwicklungen am Markt", weiß Mag.pharm. Max Wellan, Mitglied des Präsidiums der Österreichischen Apothekerkammer.

Ein konkretes Beispiel: Herr F. leidet an einem zu hohen Cholesterinspiegel. Sein Arzt verordnet ihm einen Lipidsenker mit dem Wirkstoff Simvastatin 20mg. Mit diesem Wirkstoff sind aktuell 22 unterschiedliche Präparate im Arzneimittelkodex gelistet. Sechs davon stehen kurz vor der Markteinführung. 14 Produkte tragen sogar denselben Namen, der mit dem Wirkstoffnamen ident ist: Sie heißen schlicht Simvastatin. Das Originalpräparat kostet pro Packung 23 Euro (30 Stück; Kassenpreis ohne MwSt., Grüne Box). Das billigste Generikum kostet 12,55 Euro (30 Stück), ist also pro Packung um satte 10,45 Euro - also fast die Hälfte - billiger.

"Für die Kunden wird sich durch Aut idem nicht viel ändern. Bereits heute kann es vorkommen, dass ein verschriebenes Produkt nicht abgegeben werden kann, weil es einfach nicht lieferbar ist. Damit der Kunde trotzdem unverzüglich seine Therapie beginnen kann, wird ein gleichwertiges Medikament nach Rücksprache mit dem Arzt abgegeben", so Wellan.

In unserem aktuellen Fall erhält Herr F. einen Lipidsenker für seinen zu hohen Cholesterinspiegel. Dieser wird vom Apotheker aus einer Referenzgruppe ausgewählt, die sich an einem Referenzpreis orientiert. Sollte der Kunde das Präparat noch nicht kennen, informiert der Apotheker eingehend über den Einnahmemodus.

Beharrt Herr F. auf dem Produkt, das er auch bisher bezogen hat, so darf der Apotheker das Wunschpräparat abgeben. Liegt dieses Wunschprodukt außerhalb des Preisbandes, zahlt Herr F. die Differenz selber auf. Liegt das Wunschpräparat innerhalb der Gruppe, muss nicht aufgezahlt werden.

Apotheken auf einen Blick

In Österreich versorgen 1.225 Apotheken mit insgesamt 5000 akademisch ausgebildeten Pharmazeuten die Bevölkerung mit Arzneimitteln. Die Beratung in der Apotheke ist ein Kernbereich der apothekerlichen Tätigkeit. Ein Beratungsgespräch dauert im Durchschnitt bereits jetzt 4 bis 10 Minuten. Durch die neue Aut idem-Regelung wird der Beratungsaufwand in den Apotheken weiter ansteigen.

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