Ein Pendel namens Biosprit

"Presse"-Leitartikel, vom 16. Mai 2008, von Martin Kugler

Wien (OTS) - Man darf in der Debatte auf die zentrale Frage nicht vergessen: Wie senkt man die Abhängigkeit von Erdöl?

Das Thema Biosprit bewegt. Auch und gerade beim EU-Lateinamerika-Gipfel, der heute und morgen stattfindet. In Lima treffen drei unterschiedlich von Biosprit betroffene Gruppen aufeinander: Erstens Brasilien als jenes Land, das gigantische Mengen an Bio-Ethanol liefern kann. Zweitens die europäischen Staaten, die sich einen bestimmten Prozentsatz an Biosprit verordnet haben, aber nicht wissen, woher sie die benötigten Mengen halbwegs kostengünstig bekommen sollen. Und drittens ärmere lateinamerikanische Länder, die um die Ernährung ihrer Bevölkerung fürchten - wenn immer größere Anbauflächen für die Biosprit-Produktion genutzt werden.

Die Richtung der Entwicklung scheint klar: So hat sich Deutschland schon im Vorfeld des Gipfels mit Brasilien auf eine Zusammenarbeit in Energiefragen verständigt: Berlin will billiges Ethanol aus Südamerika, dafür können deutsche Energiekonzerne in Brasilien investieren.

Die heiße Diskussion in den nächsten Tagen ist der jüngste Kulminationspunkt des Streits um Biosprit. Diese Debatte hat sich in den letzten Jahren verändert - sie gleicht einem Pendel, das einmal auf die eine, dann wieder auf die andere Seite ausschlägt. Anfangs dominierten die Befürworter. Und zwar mit zwei Argumenten: Erstens könnten nachwachsende Rohstoffe den CO2-Ausstoß stark senken. Denn bei der Verbrennung wird nur genau jene Menge CO2 frei, die die Pflanzen während ihres Wachstums aus der Luft aufgenommen haben. Und zweitens könnte man mit Biosprit weniger abhängig von Erdöl-exportierenden Staaten werden. Kritik kam damals nur von zwei Seiten: von den Konsumentenschützern, dass sich Treibstoffe durch die Zumischung von Biosprit verteuern; und von jenen, die Biosprit als reine Agrarförderung ansehen.

Mit dem Höhenflug der Lebensmittelpreise setzte eine Gegenbewegung ein - das Pendel schlug also auf die andere Seite aus. Nun wird der Biosprit-Boom für die Verteuerung von Lebensmitteln verantwortlich gemacht, die zu Hunger in manchen Teilen der Welt führt. Das ist freilich zu kurz gedacht: Die Biosprit-Produktion spielt sicher eine Rolle, doch der mit Abstand wichtigste Grund für den Preisanstieg ist das Anziehen der Nachfrage nach Getreide in Schwellenländern wie China.

Macht es nun Sinn, in Europa Biosprit herzustellen? Oder sollte man das Ländern wie Brasilien überlassen, die das billiger und effizienter können? Unbestritten ist, dass Ethanol aus brasilianischem Zuckerrohr zum einen deutlich preisgünstiger als Ethanol aus Getreide, Mais oder Zuckerrüben ist. Die Fabriken in Europa schaffen es nur wegen der großzügigen Steuerbefreiung, nicht teurer als fossiler Treibstoff zu sein. Zum anderen senkt brasilianischer Biosprit den Ausstoß von Treibhausgasen viel stärker:
Nach Angaben der EU - die laut Experten derzeit verlässlichsten Daten - sinkt der CO2-Ausstoß durch die Verwendung von brasilianischem Ethanol um 74 Prozent, das europäische Pendant schafft gerade einmal 33 bis 45 Prozent CO2-Ersparnis, in manchen Fällen maximal 67 Prozent.

Dem gegenüber stehen aber auch Faktoren, die in der Diskussion derzeit kaum Beachtung finden. Allen voran: Biosprit-Produktion in Europa kann helfen, die berühmte "Eiweißlücke" zu schließen. Um so viel Fleisch produzieren und essen können, wie wir es gewohnt sind, müssen nämlich gigantische Mengen Eiweißfuttermittel importiert werden - vor allem Soja aus Brasilien. Als Nebenprodukt bei der Ethanol-Produktion aus Getreide fällt ein proteinreiches Futtermittel an, das diese Importe ersetzen kann. Laut Modellrechnungen kann Österreich zumindest ein Drittel der Soja-Importe substituieren. Positiver Nebeneffekt: Dieses Futtermittel ist Gentechnik-frei - was man vom Import-Soja ja nicht behaupten kann.

Das Pendel schwingt aber nun wieder zurück. Deutlichstes Anzeichen dafür ist der Mittelweg, den Europa versucht: Die EU will nicht vom Beimischungsziel von zehn Prozent Biosprit im Treibstoff abrücken, sie pocht aber darauf, dass alle Lieferanten ökologische und soziale Kriterien einhalten. Auch wenn man diese Entscheidung vielleicht nicht teilt, sie ist auf jeden Fall rational. Denn in der ganzen Aufregung darf man die zentrale Frage nicht aus den Augen lassen: Was ist die Alternative? Wir brauchen Treibstoff - und Biosprit ist derzeit die einzige gangbare Option, die wir haben. Den Erdöl-Produzenten und den Fluktuationen des Ölpreises ohne Alternativen ausgeliefert zu sein, kann jedenfalls nicht unsere Vision für die nächsten Jahre sein.

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