DER STANDARD-KOMMENTAR "Dirigismus beim Onkel Doktor" von Conrad Seidl

Die Gesundheitsreform verändert die bisherige Gewichtung: Wer zahlt, schafft an - Ausgabe vom 15.5.2008

Wien (OTS) - Die Gewinner der Gesundheitsreform stehen bereits
fest: Die Apotheker werden zu den Schlüsselfiguren für geplante Einsparungen - sie sollen zumindest bei jenen Medikamenten, die niedergelassene Ärzte verschreiben, über das Präparat der Wahl entscheiden und über die Kosten wachen.
Die Verlierer stehen auch schon fest: Die Ärzte verlieren nicht nur die Hoheit über die Wahl der medikamentösen Therapie, sie werden auch von den Kassen unter massiven Druck gesetzt, ihre Leistungen zu günstigen Tarifen anzubieten. Und wenn sich Krankenkasse und Ärztekammer nicht einigen, dann hat die Kasse auch noch die Möglichkeit, einzelne Ärzte zu völlig frei vereinbarten Bedingungen unter Vertrag zu nehmen.
Das ist etwa so, als würde ein Kollektivvertrag außer Kraft gesetzt und den Unternehmern anheimgestellt, Einzelverträge zu Dumpinglöhnen abzuschließen.
Dass es gerade die Gewerkschafter (in ihrer Zweitfunktion als Kassenfunktionäre) waren, die solche Entwicklungen befürwortet haben, belegt eindrucksvoll, wie groß der Reformdruck schon war. Und die Aufgebrachtheit der Ärzte über diese Änderungen zeigt ebenso deutlich, dass ein Nerv getroffen wurde: Die Ärzte werden künftig eine bescheidenere Rolle zu spielen haben. Mehr noch: Ihre Rolle wird grundlegend neu definiert.
Der "Onkel Doktor" wird in Österreich ja nicht zufällig wie eine Art Familienangehöriger betrachtet - jahrzehntelang haben die Ärzte es verstanden, sich als die eigentlichen Vertreter der Patienten darzustellen; bei den Patienten sowieso, aber auch bei ihren Verhandlungspartnern in den Kassen.
Das war eine komfortable Position, hinter der sich ökonomische Interessen trefflich verstecken ließen: Die Doktoren konnten unter Hinweis auf das Wohl ihrer Patienten ziemlich frei verordnen, was gut und teuer (und folglich für den Therapeuten profitabel) war. Dies ist nach und nach eingeschränkt worden. Jetzt kommen die Ärzte völlig ans Gängelband. Aus Sicht der ärztlichen Standesvertretung gesehen: Sie kommen ans Gängelband einer übermächtigen Gesundheitsbürokratie. Hier tut ein Perspektivenwechsel gut: Und dann zeigt sich, dass diese Gesundheitsbürokratie die Aufgabe hat, die Gelder der Versicherten (ob diese nun gesund oder eben gerade behandlungsbedürftig sind) sparsam zu verwalten.
Um das durchzusetzen, muss "Onkel Doktor" als ein Unternehmer gesehen werden - und die Kontrolle von Gesundheitskosten als eine Kontrolle von Einkommen, die mit dem Gesundheitswesen verdient werden. Klar gibt es hier ein enormes Umverteilungspotenzial und entsprechend große Interessen derer, die ihre Besitzstände gefährdet sehen. Deren Argumente sind nicht ganz von der Hand zu weisen: Ja, es wird mehr Zentralismus und Dirigismus im Gesundheitswesen eingeführt - wer zahlt, schafft an (zumindest mehr und direkter als bisher und möglicherweise mit weniger Sach- und Detailkenntnis).
Das kann gutgehen, eine Garantie für eine bessere Qualität ist es nicht. Die gibt es auch für die eingangs erwähnten billigeren Arzneimittel nicht: Schon entwickelt die Pharmaindustrie Argumente, dass die Wirksamkeit billiger hergestellter Generika unterschiedlich sein könnte. Und sie entwickelt Produkte mit spezifischen Wirkstoffkombinationen, die in dieser Form eben doch wieder nur in teuren Markenpräparaten zu finden sein werden. All das legt nahe, dass bei der Gesundheitsreform früher oder später ein bedeutender Nachjustierungsbedarf eintreten wird. Aber die richtige Richtung ist nun vorgegeben.

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