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Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Interessen und Vertreter"
Ausgabe vom 15. Mai 2008
Wien (OTS) - Die Gewerkschaft bekämpft vehement die Schaffung
einer Institution, in der die bei Telekom und Post gelandeten Beamten
unterkommen sollen. Nicht ganz unverständlich: Eine solche
Institution gleicht ja in der Tat einem Aussätzigen-Lager.
Um dem zuvorzukommen, könnte die Gewerkschaft aber vielleicht ein
bisschen Selbstkritik entwickeln: Weshalb haben im Wettbewerb
stehende Firmen durchwegs große Probleme mit Beamten? Sind dort gar
überall "genetische Beamtenhasser" am Werk - um einen Ausdruck der
Ärztekammer zu plagiieren, die (ebenfalls ohne jede Bereitschaft zur
Selbstkritik) bei der Gesundheitsreform lauter "genetische
Ärztehasser" am Werk sieht?
Die einen muss man fragen: Glauben sie wirklich, dass es keinen
Arzt gibt, der Behandlungen oft nur zur Erhöhung seiner Umsätze
durchführt oder der bei der Verschreibung von Medikamenten auf die
liebevolle Betreuung durch Pharma-Firmen reagiert? Die anderen
sollten sich der Frage stellen, ob sie ernsthaft alle Studien für
Nonsens halten, die negative Auswirkungen des Status der
Unkündbarkeit auf Leistung und Arbeitsmoral erkennen? Würden nicht
diesbezügliche Verfassungsänderungen allen Beamten zu einem viel
besseren Image und einem Ende des Paria-Status verhelfen? Würden
davon nicht die Fleißigen und Tüchtigen unter ihnen besonders
profitieren?
Allzu einäugige Interessenvertreter brauchen sich jedenfalls nicht
zu wundern, wenn sie nicht mehr ernst genommen werden.
*
In die gleiche Kategorie zählt zunehmend auch die Vertretung der
AHS-Lehrer. Sie kämpft mit wilden Tönen gegen die Einführung von
Bildungsstandards, also gegen die Fixierung allgemein gültiger
Definitionen dessen, was Schüler in einer bestimmten Schulstufe
eigentlich können sollen. Solche Standards werden von der
Gewerkschaft strikt abgelehnt. Noch strikter aber bekämpft sie, dass
die Erreichung der Standards gemessen wird und diese Messergebnisse
veröffentlicht werden. Ja, die Gewerkschaft will sogar die
Veröffentlichung solcher Schulrankings strafbar machen! Obwohl diese
Information genau das ist, was die Eltern wollen.
Eine klügere Gewerkschaft würde sich stattdessen eher gegen jene
als Lehrer getarnten Saboteure wenden, die in einem Wiener Bezirk
gleich 80 Prozent aller Volksschüler lauter Einser schenken.
http://www.wienerzeitung.at/tagebuch
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