Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Aspirin-Verteilung"

Ausgabe vom 14. Mai 2008

Wien (OTS) - Fiebersenkende Mittel sind hilfreich. Aber nur selten vermögen sie eine Krankheit zu therapieren. Auch die nunmehrige Gesundheitsreform hat maximal die Heilwirkung von Aspirin. Die zentralen Krankheitsherde bleiben untherapiert. Die da sind:

- Der gegenseitige Kostenexport zwischen frei praktizierenden Ärzten und Spitälern: Diese schicken die Patienten in marktwirtschaftliche Ambulanzen (wo die Kassa zahlen muss); die Kassenärzte schicken hingegen Patienten gerne in Spitäler (für die vor allem die Bundesländer zahlen).

- Landes- und Gemeindespitäler (aber auch jene der Kassen) werden auch künftig Primarärzte primär nach dem Parteibuch, nicht nach ihrem medizinischen oder administrativen Können bestellen.

- Die Schnittstelle zum Pflegebereich bleibt ungeregelt (sie untersteht ja dem Sozialministerium). Deshalb werden auch künftig alte pflegebedürftige Menschen teure Akutbetten belegen.

- Der Kassenbereich wird noch mehr zentralisiert. Das bedeutet noch weniger Wettbewerb als bisher, obwohl Wettbewerb die wirksamste Erfindung der Menschheitsgeschichte ist, um gleichzeitig Qualität zu erhöhen und Kosten zu senken.

- Spitäler, aber auch praktizierende Ärzte werden weiterhin sehr kreativ Diagnosen erstellen können (können heißt natürlich nicht, dass es alle tun), um ihre Umsätze zu erhöhen.

- Gebührenbefreite Patienten werden weiterhin für ein Kamillentee-Rezept in Ordinationen sitzen.

- Die E-Card wird weiterhin von Nichtversicherten jeder Nationalität missbraucht werden können.

- Das Gesundheitssystem bekommt für viele Versicherte keine oder nur symbolische Beiträge, statt dass alle Sozialleistungen transparent nur von den zuständigen Institutionen bezahlt würden.

- Sollten Ärzte eher überflüssige Maßnahmen vorschlagen, werden ASVG-Patienten auch künftig nur selten fragen: "Ist das wirklich notwendig?" Sie zahlen ja keinen Selbstbehalt. Welcher im Übrigen auch bei Ärzten eher Gewissensbisse auslösen würde als der Griff in anonyme Milliardentöpfe.

- Das Argument, dass die Sozialpartner für die Macht in den Kassen "demokratisch legitimiert" wären, eignet sich höchstens als Faschingsscherz.

Die Diagnose ist klar: Die Lage ist hoffnungslos, aber offenbar noch nicht ernst genug, als dass die Politik den Mut zu einer großen Operation hätte.

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