Erste Anzeichen für drohenden Ärztemangel in Niederösterreich erkennbar

Arbeitsbedingungen und Einkommen sind laut Ärztekammer mögliche Gründe für Abwanderungstendenzen

Wien (OTS) - Obwohl sich die Anzahl der Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen zwanzig Jahren ungefähr verdoppelt hat, sind keine Anzeichen einer "Überarztung" zu erkennen. "Der Fortschritt in der Medizin, eine rasante Zunahme älterer Patientinnen und Patienten sowie Zivilisationserkrankungen machen die derzeitige Anzahl an MedizinerInnen notwendig", so Ärztekammerpräsident Dr. Christoph Reisner. Die in Niederösterreich tätigen Kollegen können nicht über mangelnde Auslastung klagen: In den Kliniken sind Arbeitszeiten jenseits der Gesetzeslage, die für "normale" Staatsbürger gilt, durch Betriebsvereinbarungen legalisiert. Im niedergelassenen Kassenbereich sind Wochenarbeitszeiten von 60 bis 70 Stunden durchaus üblich.

Immer schwieriger wird es jedoch, diese Arbeitsplätze im öffentlichen Gesundheitssystem zu besetzen. "Man kann bereits heute in Abhängigkeit von Ort und Fach einen deutlichen Rückgang der BewerberInnenzahl beispielsweise für Oberarztstellen feststellen", so Präsident Dr. Reisner. Im Weinviertel konnte eine Oberarztstelle nur auf Werksvertragsbasis durch einen bereits pensionierten Mediziner ungarischer Staatsbürgerschaft besetzt werden. Selbst die Nachfrage nach Turnusplätzen schwankt stark in Abhängigkeit von der Region. "Wenn zu langen Arbeitszeiten, schlechten Arbeitsbedingungen und geringer Entlohnung noch räumliche Nachteile hinzu kommen, überlegt sich selbst ein junger, flexibler Turnusarzt in Ausbildung, ob er das alles in Kauf nimmt"; so Turnusärztevertreter Dr. Stefan Halper.

Auch die KassenärztInnen klagen über zunehmend schlechtere Arbeitsbedingungen im Verhältnis zu Ausbildung, Verantwortung und Arbeitseinsatz. Vor allem durch eine immer schwieriger zu bewältigende Bürokratie, die aus zeitlicher Sicht die eigentliche Krankenbehandlung schon übertroffen hat. "Möglicherweise ist auch das ein Grund, warum für frei werdende Kassenstellen die Bewerberzahl von Jahr zu Jahr schrumpft. Heuer konnten schon mehrere Kassenstellen nicht nachbesetzt werden, da offenbar in diesen Fällen die Summe der Faktoren für niemanden so attraktiv war, dass es zu Bewerbungen kam", so Präsident Dr. Reisner.

Währenddessen lockt das benachbarte Ausland mit teils attraktiven Angeboten. Vor allem in Deutschland, aber beispielsweise auch in der Schweiz und in Skandinavien finden österreichische ÄrztInnen immer öfter Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen vor, die sie zu einer Migration ermuntern, Tendenz steigend. "Durch den freien Personenverkehr in der EU ist es daher auch niemandem möglich, zuverlässige Vorhersagen über die Verfügbarkeit von Ärztinnen und Ärzten in einem einzelnen Land zu machen." Im Rahmen der nun angedachten Gesundheitsreform droht jedoch eine weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen vor allem der MedizinerInnen im niedergelassenen Bereich. "Ich befürchte daher mittelfristig einen hausgemachten Ärztemangel im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens, wenn nicht von Seiten der Politik rasch gegengesteuert wird", so Präsident Dr. Reisner abschließend.

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