DER STANDARD-Kommentar: "Die AUA ist kein Einzelfall" von Eric Frey

"Österreichs staatsnahe Industrien leiden unter Management- und Strategieproblemen"; Ausgabe vom 8.5.2008

Wien (OTS) - Die aktuelle Krise der AUA lässt sich als Kommunikationsproblem zwischen einem ungeschickt agierenden Vorstandschef und einem dünnhäutigen Investor darstellen, oder als grundlegendes Existenzproblem einer mittelgroßen nationalen Airline in einem liberalisierten Luftraum. Aber hinter dem AUA-Fiasko steht ein noch viel besorgniserregenderer Faktor: das schmerzhafte Fehlen strategischen Denkens in der ÖIAG und den von ihr kontrollierten Unternehmen.
Ob Telekom, OMV, Post oder AUA - die Herausforderungen für sie alle sind ähnlich. Sie sind nationale Riesen, aber im globalen Wettbewerb zu klein. Sie dürfen aus politischen Gründen ihre Unabhängigkeit nicht verlieren, aber benötigen Partner, um in einem veränderten ökonomischen Umfeld Erfolg zu haben. Was ihnen an Kapital fehlt, müssen sie mit Klugheit und Geschick kompensieren.
In einer solchen Zeit wäre die ÖIAG bei der Besetzung von Topjobs und der Entwicklung von Strategie besonders gefordert. Aber seit 2001 steht dort mit Peter Michaelis ein Mann an der Spitze, der von Karl-Heinz Grasser einst als Privatisierungsmanager geholt wurde und sich seither vor allem als politischer Überlebenskünstler hervorgetan hat. Von Unternehmensstrategie hat Michaelis schon damals wenig verstanden - und leider auch nichts dazugelernt.
Da in der jetzigen politischen Konstellation mit Privatisierungen kaum zu rechnen ist, scheint Michaelis schon allein aus diesem Grund der falsche Mann an der ÖIAG-Spitze zu sein. Und selbst bei ihren Privatisierungen passierten der ÖIAG über die Jahre viel mehr Pannen, als man es von einem professionellen Management erwarten würde. Auch auf der Ebene der Unternehmen rächen sich nun viele personelle Fehlentscheidungen der Ära Schüssel. Alfred Ötsch ist für die AUA eine noch viel größere Belastung, als es Martin Huber für die ÖBB war. Bevor er Scheich Mohammed Bin Issa Al Jaber durch seine Informationspolitik vergraulte, vertrieb Ötsch seine Vorstandskollegen Josef Burger und Thomas Kleibl und klammerte sich in Verkennung aller Branchentrends an eine hoffnungslose Stand-alone-Variante für seine Fluglinie fest.
Noch kann die AUA dank ihres starken Osteuropa-Netzes zwischen verschiedenen strategischen Partnern wählen, aber von Monat zu Monat wird die Wettbewerbsposition der Österreicher im unbarmherzigen Luftfahrtgeschäft schlechter. Dass AUA-Aufsichtsratschef Michaelis inzwischen Ötsch selbst als Fehlbesetzung sieht, spricht für seine Urteilskraft, entbindet ihn aber nicht der eigenen Verantwortung für das Schlamassel.
Aber auch bei den "rot" besetzten Chefposten in staatsnahen Unternehmen häufen sich die Krisenzeichen. Wie Postchef Anton Wais die Großversandkunden Otto und Quelle verloren hat, war ein Lehrstück für schlechtes Kundenmanagement. Und selbst bei OMV-Chef Wolfgang Ruttenstorfer kommen nach einer Serie von Rückschlägen - die gescheiterte Fusion mit dem Verbund, das weltpolitisch untragbare Gasgeschäft mit dem Iran und vor allem die vielen Niederlagen beim Versuch, die ungarische MOL zu übernehmen - Zweifel an seiner Eignung als Konzernlenker auf. Die OMV ist dank hoher Ölpreise höchst profitabel, aber dies wird nicht ewig halten, wenn strategische Weichen jetzt falsch gestellt werden.
Die Qualität der Topmanager ist einer der zentralen Standortfaktoren eines Landes. In Österreichs Privatwirtschaft ist diese sicherlich gegeben. Wenn es der Regierung jedoch nicht gelingt, auch in ihrer Einflusssphäre die besten Leute mit den richtigen strategischen Visionen zu finden, dann drohen dem Land noch einige Turbulenzen à la AUA.

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