Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Heimatbewusster Zynismus"

Ausgabe vom 8. Mai 2008

Wien (OTS) - "Heimatbewusstsein": Darin also sieht H.C. Strache
die Gemeinsamkeit seiner FPÖ mit der radikalsten Partei Serbiens, mit einer Gruppierung, die in den Balkankriegen bis zu den Knien im Blut gewatet ist, deren wahrer Parteichef Seselj von aller Welt für einen der schlimmsten Kriegsverbrecher dieses grauslichsten europäischen Kriegs seit 1945 gehalten wird. Und der deshalb auch in Den Haag einsitzt. Für diesen Haufen - der in der chauvinistischen Stimmung des heutigen Serbiens durchaus gute Wahlaussichten hat - engagiert sich Strache neuerdings so intensiv, dass er sogar zu Wahlauftritten nach Belgrad fährt.

Natürlich ist bekannt, dass Strache von Außenpolitik wenig versteht. Natürlich ist auch das Gerede von Heimatverbundenheit unglaubwürdig: Denn gerade die kriegstreiberische Seselj-Gruppe wollte den Kroaten und Bosniaken mit Privatarmeen das Recht auf Heimat verwehren. Und bekämpft jetzt das Selbstbestimmungsrecht der Kosovaren.

Aber dennoch ist es nicht bloß Dummheit oder Heuchelei, was Strache nach Belgrad zieht. Er führt dort einen ganz zynischen Wahlkampf - für österreichische Urnengänge. Denn Serben sind heute eine der größten bei uns eingebürgerten Minderheiten und daher ein interessantes Stimmenpotenzial. Für dieses ist Strache offenbar sogar bereit, ausländische Konflikte mit anzuheizen.

Er steht freilich keineswegs allein da mit dem Versuch, unter den Minoritäten nach Stimmen zu fischen - und zwar auf eine Art, die von der Mehrheit möglichst wenig bemerkt werden soll. Damit das Unterfangen nicht kontraproduktiv wird.

Da sponsert etwa die SPÖ massiv schwarzafrikanische Gruppen. Da hat Jörg Haider enge Kontakte zu den Arabern geknüpft (früher eher ein Reservat linker Parteien). Da knabbern Grüne, SPÖ und in Wien auch die ÖVP am türkischen Stimmenberg. Und da kann die ÖVP -allerdings ohne dass diesbezüglich sonderliche Aktivitäten bekannt wären - auf überproportionale Stimmenanteile bei polnischen und kroatischen Neoösterreichern hoffen (die ja überproportional katholisch sind).

Das sind legitime Hoffnungen. Es ärgert nur, wenn dabei gefährlich radikale Gruppen unterstützt werden. Und wenn Ausländer-Wahlkämpfe bewusst an den heimischen Stammwählern vorbei praktiziert werden, die man tags darauf wieder mit Ausländerhass zu ködern versucht.

http://www.wienerzeitung.at/tagebuch

Rückfragen & Kontakt:

Wiener Zeitung
Sekretariat
Tel.: 01/206 99-478
redaktion@wienerzeitung.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWR0001