Kinderschutz statt Populismus

Sich Hilfe zu holen ist für Kinder nicht einfach

Wien (OTS) - Kinder haben das Recht vor physischer, psychischer Gewalt, sexueller Gewalt sowie vor Vernachlässigung geschützt zu werden. Leider ist die Realität wie so oft eine andere.

Zur Zeit läuft nun eine hoch emotionale Debatte wie dieser Schutz zu gewährleisten wäre. Es wird über schärfere Strafen für Täter, über Untersuchungen von Kindern und vieles mehr diskutiert.
In Anbetracht des erschütternden Falles in Amstetten ist die Emotionalität bei der Diskussion zwar menschlich verständlich, doch ist es an der Zeit wieder die Fachlichkeit zu Wort kommen zu lassen und auch zu hören.

Der Fall in Niederösterreich ist leider nur die Spitze des Eisbergs. Über die Dunkelziffer von Gewalt gegen Kinder kann nur fantasiert werden - aufgrund fehlender Studien ist nicht einmal bekannt wie hoch der Prozentsatz von Kindern in Österreich ist, die jegliche Formen von Gewalt erleben müssen. Schätzwerte sprechen von 20%. In unserer Arbeit sind wir täglich mit Gewalt an Kindern konfrontiert, wir wissen wie hoch der Geheimhaltungsdruck - das Schweigegebot- auf den Kindern lastet. Für Kinder und Jugendliche existieren viele Barrieren sich Hilfe und Unterstützung zu holen. Eine aktuelle Studie aus der Schweiz "Häusliche Gewalt aus Sicht von Kindern und Jugendlichen" macht auch deutlich, dass es für Kinder aus den unterschiedlichsten Gründen schwierig ist, sich Hilfe zu holen.

Im Unterschied zur in Forschung und Praxis verbreiteten Konzeption, Kinder seien "unwissende" und "passive" Opfer, positioniert diese Studie Kinder als aktiv handelnde Subjekte.
Die Befragung der 1400 Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 9 und 17 Jahren zeigt die Ambivalenz, inwieweit Kinder über ihre familiäre Situation reden sollen, deutlich.

Fast die Hälfte der Kinder haben Bedenken sich jemanden anzuvertrauen ohne Information über mögliche Konsequenzen. Insbesondere Buben vertreten die Meinung dem Privatisierungsgebot entsprechen zu müssen. Es bestehen Zweifel an der vertraulichen Behandlung der Informationen, Sorge um das Image der Familie und die Vorstellung, dass es sich bei häuslicher Gewalt um ein privates Problem handelt.

Auf die Frage an die Kinder und Jugendlichen warum sie meinen, dass manche Kinder und Jugendlichen nicht über Gewalt sprechen möchten gaben die Peers zu einem hohen Ausmaß als Gründe an, dass Angst davor besteht dass es weitererzählt wird, dass dann schlecht über die Familie gedacht wird, es gehe niemanden etwas an, sich schämen.

Gewalt gegen Kinder wird also auch von Kindern und Jugendlichen noch immer - zwar nicht mehr in dem Ausmaß wie früher - aber doch -als privates Problem gesehen.

"Ich glaube nicht, dass die derzeit geführte Diskussion viel dazu beitragen kann Kinder tatsächlich vor Gewalt zu schützen", so Monika Pinterits Kinder- und Jugendanwältin aus Wien.

Anstatt über den Kopf von Kindern und Jugendlichen und deren tatsächlichen Bedürfnissen hinweg zu reden, sollten Überlegungen im Vordergrund stehen wie der gesellschaftliche Stellenwert von Kinder und Jugendlichen ein anderer werden könnte.

Viel zu oft gilt noch die Meinung naja was wissen denn Kinder schon und mein Kind gehört mir - mit dem kann ich machen was ich möchte. Viel zu viele in unserer Gesellschaft sind noch immer der Meinung, dass Familie ein in sich geschlossenes System ist und schauen weg. Viel zu oft wird die gsunde Ohrfeige noch nicht als das gesehen was sie ist als ungesund und demütigend.

Es gehört "Geld in die Hand genommen" damit in Schulen und in Kindergärten Prophylaxe gegen Gewalt flächendeckend angeboten werden kann. Hilfesysteme gehören mit genügend Ressourcen versorgt. Kindern die Möglichkeit zu geben "stark" zu werden und in allen wichtigen Bereichen auch mitzureden sollte oberste Priorität haben. Wenn Kinder sich doch überwinden mit jemanden zu reden, ist eine mögliche Verpflichtung zur sofortigen Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung nicht hilfreich.

Kinder benötigen Vertrauensbildende Maßnahmen, denn in den seltensten Fällen existieren Misshandlungsspuren bzw. kommt es zu einer Penetration. Kinder brauchen Menschen denen sie vertrauen können - Populismus jeglicher Art trägt sicher nicht dazu bei, Kinder vor Gewalt zu schützen sondern nur besonnene Überlegungen was es wirklich braucht um Gewalt gegen Kinder zu verringern.
Ein wichtiger Schritt und vor allem ein deutliches Signal wären Kinderrechte in den Verfassungsrang zu heben.

Rückfragen & Kontakt:

Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien
DSA Monika Pinterits
Handy: 0676 8118 85901

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