"DER STANDARD"-Kommentar: "Haltungskorrektur statt Imagepolitur" von Petra Stuiber

Was nach Amstetten nötig ist: Nicht Anlassgesetze, sondern ein modernes Familienbild - Ausgabe vom 7.5.2008

Wien (OTS) - Viel ist in diesen Tagen vom Wegschauen der
Amstettener Nachbarn die Rede. Viel auch davon, dass man Behörden durch schärfere Gesetze, getilgte Tilgungsfristen und lebenslange Täterbeobachtung das Wegschauen abgewöhnen müsse.
Der rechte politische Rand tut sich besonders hervor, die ÖVP weidet sich daran, dass die SPÖ-Justizministerin im Parlament von der Opposition attackiert werden soll, und sogar die Grünen fordern plötzlich mehr Rechte für die Polizei bei der Suche nach vermissten Minderjährigen. Langweilig ist das und enervierend. Denn all das Geschrei und Gezeter ist tagespolitisches Kleingeld und geht am eigentlichen österreichischen Problem vorbei: Es wird nicht zu viel weggeschaut - sondern gar nicht erst hingeschaut, wenn nur der äußere Anschein der "perfekten Familie" zu passen scheint. Nicht nur in Amstetten.
Bei einem, der korrekt gekleidet, mit adretter Ehefrau am Arm als erfolgreicher Geschäftsmann daherkommt, fragt man halt nicht nach, warum die Tochter mit 18 davongelaufen ist, warum die anderen Kinder so schnell wie möglich ausgezogen sind - da spricht man lieber davon, wie aufopfernd sich die Großeltern um die "Enkerln" kümmern. Überzogene Interpretation eines singulären Kriminalfalles? Mitnichten. Wenn der Chefermittler der Polizei dem mutmaßlichen Täter "erhöhte Potenz" attestiert, die ihn veranlasst habe, die eigene Tochter im Keller als "Geliebte" zu halten - dann schwingt ein Gesellschaftsbild mit, das den strengen, aber gerechten Familienvater einer traditionellen "Musterfamilie" als das Maß der Normalität begreift. Wenn der Mann dann auch noch als "ganzer Kerl" auftritt, der "daheim" die Hosen anhat - umso besser.
Dies dem redlich bemühten Polizisten allein vorzuwerfen, wäre allzu einfach. Er befindet sich in bester Gesellschaft. Auch der Bezirkshauptmann betont immer wieder das "anständige" Auftreten des Verdächtigen, wenn er erklärt, warum das Jugendamt nach seiner Meinung im Fall F. fehlerlos gearbeitet hat. Die Dunkelziffern im Bereich des sexuellen Missbrauchs von Kindern zeigen, dass auch in vielen anderen Fällen das Umfeld nicht hinschaut, weil nach außen hin die Anständigkeit dominiert.
Beispiele dafür gibt es zur Genüge: Der ehemalige Bürgermeister von Windischgarsten, der später verurteilt wurde, weil er Frauen betäubt und vergewaltigt haben soll, galt lange Zeit als rechtschaffener Mann, der halt seine Männlichkeit gern ein bisserl betonte. Die Morde der Elfriede Blauensteiner blieben wiederum lange unentdeckt, weil das Bild der aufopfernd pflegenden Frau als total normal angesehen wurde.
Was nützen also härtere Strafen für Sexualstraftäter, wenn mögliche Vergehen gar nicht erst aufgezeigt werden - schlicht, weil niemand hinschaut?
Wenn der Bundeskanzler nach Amstetten an eine Kampagne denkt, dann sollte er dabei weniger das Image und mehr die Haltung der Österreicher im Auge haben. Wie wäre es damit: eine Kampagne, "Herrenwitzen" am Stammtisch künftig die grölende Zustimmung zu verweigern? Eine Initiative, scharf zu reagieren, wenn sich einer rühmt, dass er Frau und Kinder "im Griff" hat? Ein Slogan, der klarmacht, dass es keine Tugend ist, wenn einer "herrisch, aber fürsorglich" auftritt? Das wäre eine langfristige gesellschaftspolitische Aufgabe, die einer großen Koalition würdig wäre.
Die Politik scheint eher an schnellen Lösungen interessiert zu sein:
Gesetzesänderung, schneller Prozess, Image-Kampagne. Es steht zu befürchten, dass Österreich aus Amstetten am Ende nichts gelernt haben wird.

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