Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Rübe ab"

Ausgabe vom 7. Mai 2008

Wien (OTS) - Mein Gott, wie sind sie jetzt alle tough und mit dem Ohr an Volkes Mund! Eigentlich fehlt jetzt nur noch der Ruf nach der Todesstrafe für die Bestie von Amstetten.

Gewiss, im Parlament ist schon viel überflüssigeres beschlossen worden als eine Erhöhung der Strafen für Vergewaltigung. Es wird halt bei jedem Großverbrechen sofort nach höheren Strafen gerufen - im Glauben, damit irgendetwas zu ändern.

Was aber ein Irrtum ist. Erreicht wird damit nur Rache, eine emotionale Abreaktion von Empörung. Kaum ein anderer Zusammenhang rund um Kriminalität ist nämlich besser bewiesen: Niemand wird dadurch abgeschreckt, dass für eine Tat künftig eine längere Haft droht. Wer könnte sich auch einen Täter vorstellen, der kalkuliert:
"15 Jahre würde ich noch in Kauf nehmen, 20 Jahre aber nicht mehr; daher werde ich ab sofort ein gottesfürchtiges Leben beginnen." Ein solches Kalkül wäre auch dann nicht erwartbar, wenn die tatsächlich abgesessenen Strafen mit dem gesetzlichen Rahmen irgendeine Ähnlichkeit hätten. Was aber wegen der kaum vorhersagbaren Aspekte des Milderungs-, Verfahrens-, Begnadigungs- und bedingten Entlassungsrechts ohnedies nie der Fall sein kann.

Viel wirksamer in Sachen Abschreckung als die Strafhöhe ist ein ganz anderer Aspekt: nämlich die Gefahr, erwischt zu werden. Eine Erhöhung der Strafen für Geschwindigkeits-Übertretungen bewirkt lediglich höhere Einnahmen. Deutlich mehr Anzeigen, etwa infolge der Installation von mehr Radarkästen, sind jedoch sehr heilsam.

Gegen andere Delikte wie die nur in erschütternd geringem Umfang aufgeklärten Eigentumsdelikte oder die Hooligan-Gewaltakte sind mehr Polizisten nötig, mehr Video-Überwachung, eine Zero-Tolerance-Politik auch bei Kleinigkeiten. Es braucht mehr Kompetenzen für die von einer progressiven Pädagogik entmachteten Lehrer, eine drastische Einschränkung des Datenschutzes (was vielleicht auch zur Verhinderung des Inzestdramas hätte beitragen können), bessere personelle Qualität in den Jugendämtern oder auch viel mehr Sportangebote für den Breitensport junger Städter (anstelle der Millionen für den Spitzensport).

Das alles müsste gegen den Widerstand von gut etablierten Lobbies durchgesetzt werden. Biertisch-Rufe sind halt viel bequemer. Auch wenn der Ruf "Rübe ab" niemandem hilft.

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