"Kleine Zeitung" Kommentar: "Ist das Böse und das Feige ein rot-weiß-rotes Zwillingspaar?" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 01.05.2008

Graz (OTS) - Dass die Weltöffentlichkeit früher als zum Anpfiff der Euro nach Österreich blickt, war choreografisch so nicht vorgesehen. Das Land wollte sich von seiner schönen, anmutigen Seite zeigen und sieht sich jetzt mit schaurigen Zerrbildern konfrontiert. Ist das Abgründige ein Meister aus Österreich? Kann es sich hier entfalten, weil das Böse mit einem dumpfen, habituell feigen Wegschau-Volk rechnen kann?

Und gehört die Scheu, etwas wahrzunehmen und es mitzuteilen, nicht zum Wesen des Österreichers, und rührt diese genetische Feigheit nicht daher, dass man über Jahrhunderte Kirchenfürsten, Kaisern und Faschisten zu gehorchen hatte?

Das waren die Assoziationsketten etlicher ausländischer Medien zum Inzest-Drama von Amstetten. Man muss sich über die Klischee-Fabrikanten nicht ereifern. Zum einen zeigen sie, dass sie die Geschichte des Landes kennen und Thomas Bernhards Studien zum Wahnsinn, zum anderen tun sie nichts anderes als wir selbst: Sie haben, um das Entsetzen zu bannen, nach flinken Erklärungen und Projektionen gesucht. Da haben sie halt gleich das ganze Land pathologisiert.

Der eine oder andere Behördenvertreter hat sie dabei unterstützt: So sprach der Bezirkshauptmann respektvoll vom "stattlichen, dynamischen und potenten" Täter, der bedauerlicherweise ein bisserl herrisch zu seiner Frau gewesen sei. Das wusste man, und ein Bürgermeister erinnerte sich, dass die Kinder vor dem Vater "gezittert haben". Man nahm es wahr, aber schritt nicht ein. Patriarchalische Befehlsgewalt lag innerhalb der Norm.

Dass eines der Kinder vor der Gewalttätigkeit des Vaters floh und Jahre später als vermisste Mutter demselben Vater die Kinder der Reihe nach anvertraut haben soll, schien allen schlüssig. Diese Arglosigkeit der Behörden und der Umwelt bleibt verstörend.

Mangelnde Zivilcourage ist ein Mangel an Haltung. Sie ist nichts spezifisch Österreichisches, aber eben auch in Österreich ein gängiges Muster. Sich nicht einzumischen in die Belange anderer, weil es Unannehmlichkeiten bringe, das wird Kindern früh anerzogen und bleibt prägend.

Die fremde Familie ist eine zusätzliche Schwelle. Sie gilt zu Recht als Sphäre des Privaten und Intimen. Das hilft den Tätern, die darauf bauen, dass niemand hinhört und hinschaut. Deshalb gibt es eine Wahrnehmungspflicht des Einzelnen wie der Behörden. Sie darf nicht verdrängt und darf nicht Routine werden. Beides verlängert das Leid der Schutzlosen im Schutzraum Familie. ****

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