"KURIER"-Kommentar von Michael Hufnagl: Gier nach dem Abgrund

Die Inzest-Tragödie lässt tief blicken. Das zeigt auch die Sorge um unser Image.

Wien (OTS) - Seit Tagen sind wir bemüht, das "Unfassbare" ins Fassbare zu übersetzen, das "Unvorstellbare" vorstellbar zu machen, das "Unbeschreibliche" in Worte zu gießen. Seit Tagen überwältigt uns die "Sprachlosigkeit" in Form von Erzählungen, Mutmaßungen und Diskussionen. Seit Tagen sind wir bemüht, für das Grauen jene Bezeichnungen zu finden, die dem Grauen und unserem Anspruch auf Superlative gerecht werden. Seit Tagen schauen und hören wir hin, schütteln wir die Köpfe, erheben wir die Finger, lassen wir uns treiben im Sog des Bösen. Seit Tagen fegt die Inzest-Tragödie - und in ihrem Schatten die Besserwisserei über Rechtssprechung, Behörden und Zivilcourage - alles hinweg. Seit Tagen können wir unsere Gier nach Sensation, Abgrund und Angst nicht leugnen. Seit Tagen ist Amstetten. Und mittendrin erhebt sich plötzlich groß und mächtig die Sorge um einen Imageschaden. Staatstragend wird verkündet, dass sich Österreich nicht in Geiselhaft nehmen lässt (gelungenes Bild im Übrigen). Ein Journalist hat gefragt: "Was ist los in diesem Land?" Und diese Frage lässt sich wohl zu jedem Land stellen. Aber statt patriotischer Abwehrreflexe (Einzelfall!!!) wäre die Suche nach Antworten sinnvoll. Viele davon schlummern nämlich ganz tief in uns selbst.

Rückfragen & Kontakt:

KURIER
Innenpolitik
Tel.: (01) 52 100/2649
innenpolitik@kurier.at
www.kurier.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKU0002