ExpertInnen fordern Aufstiegsmöglichkeiten für die 2. Generation

150 Interessierte diskutierten über Gegenwart und Zukunft von Jugendlichen mit Migrationshintergrund

Wien (OTS) - Am 29. April ging im wienXtra-institut für freizeitpädagogik die Tagung "Verkehrte Bilder" über die Bühne. Die Veranstaltung stellte die Lebensrealitäten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt und setzte sich das Ziel, Klischees und Vorurteile zu hinterfragen und die Rolle der Mehrheitsgesellschaft kritisch unter die Lupe zu nehmen. Das Interesse war groß, die Veranstaltung schon frühzeitig ausgebucht. 150 BesucherInnen debattierten mit ExpertInnen über Themen wie Bildung, Arbeit, Integration, Religion, Kultur und Emanzipation und entwickelten gemeinsam Strategien für die Zukunft. Als HauptreferentInnen am Podium waren Barbara Herzog-Punzenberger, Mouhanad Khorchide und Bülent Öztoplu.

Bildung ist wichtig für Integration

Die Sozialwissenschafterin Barbara Herzog-Punzenberger widmete sich in ihrem Vortrag den wichtigen Themen Arbeit und Bildung und machte auf die unterschiedlichen Ausbildungsniveaus und die ungleichen Chancen am Arbeitsmarkt von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund aufmerksam.

"Das Bildungssystem erlangt in der Wissensgesellschaft eine immer größer werdende Bedeutung zur Integration der Gesellschaft. Deshalb ist es wichtig, allen SchülerInnen unabhängig von sozialem und kulturellem Hintergrund die gleichen Chancen zu bieten und Strukturen zu schaffen, die allen Gesellschaftsgruppen den sozialen Aufstieg ermöglichen. Voraussetzung dafür sind bildungspolitische Rahmenbedingungen, die soziale Mobilität fördern - nicht hemmen. Der Arbeitsmarkt ist schließlich ein Hauptmotor für die Integration der gesamten Gesellschaft. Hier sind nach wie vor herkunftsspezifisch große Unterschiede festzustellen: beim Übergang von Schule/Ausbildung zum ersten Arbeitsplatz, in der Arbeitslosenrate sowie in der Chance zur Weiterbildung. Es lässt sich für die Anwerbegruppen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei jedoch sowohl in der Bildung als auch am Arbeitsmarkt eine zunehmende Aufwärtsmobilität über die Generationen hinweg beobachten."

Zwischen Moschee und Disco

Der Religionssoziologe Mouhanad Khorchide beschäftigte sich in seinem Vortrag "Zwischen Moschee und Disco" u.a. mit Klischees und Vorurteilen gegenüber MuslimInnen. Er beanstandete, dass im öffentlichen Diskurs selten eine differenzierte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen und Folgen religiösen Verhaltens stattfindet:

"MuslimInnen, die sich mehr oder weniger an die Gebote und Verbote des Islam halten, gelten für viele als "traditionell", und nur diejenigen, die sich von der religiösen Praxis distanzieren, als "modern". Diese Sichtweise, die nur vom Grad des Praktizierens der Religion ausgeht, vernachlässigt nicht nur die subjektive Bedeutung der Religion, sondern auch ihre gesellschaftlichen Auswirkungen im Alltag der MuslimInnen. Daher kommt es nicht selten zu Fehl- bzw. Vorurteilen und Pauschalisierungen: Mädchen, die Kopftuch tragen, werden als sehr traditionell, bisweilen als schwer integrierbar eingestuft. Auf der anderen Seite werden Jugendliche, die sich weniger oder gar nicht an die Gebote der Religion halten, pauschal als modern, liberal und leicht integrierbar angesehen. Viele Studien, die sich mit der Religiosität der MuslimInnen in Europa befassen, zeigen allerdings, dass eine Bandbreite an Motiven und Zugängen zum Islam und somit unterschiedliche Formen der Religiosität, existieren".

Vorbilder mit migrantischen Hintergrund

Bülent Öztoplu, langjähriger Sozial- und Jugendarbeiter zeigte auf, welche Faktoren einen positiven Integrationsprozess erschweren und im Gegenzug bewirken können, dass Jugendliche in Parallelgesellschaften abtauchen. Als Problemfelder ortete er u.a. das Desinteresse der Mehrheitsgesellschaft, den sozialen Rückzug von MigrantInnen sowie das Fehlen von Perspektiven, Vorbildern und Aufstiegsmöglichkeiten.

"Damit Jugendliche Integration als erstrebenswert und lustvoll erleben, brauchen sie reale Vorbilder aus unterschiedlichsten Berufsfeldern, die motivierend für sie sein können. In Österreich gibt es leider wenige junge Erwachsene, die diese Bilder repräsentieren könnten. Es gibt kaum JournalistInnen, KünstlerInnen, RichterInnen, PolitikerInnen etc. mit migrantischem Hintergrund. Es gibt für Jugendliche der zweiten Generation kaum Zugang zu Berufen in der öffentlichen Verwaltung und anderen Schlüsselpositionen. In der Polizei, in den Gerichten, an den Schulen sind Menschen mit migrantischem Hintergrund deutlich unterrepräsentiert - obwohl ihre Sichtbarkeit gerade an diesen Stellen viel zur Glaubwürdigkeit der Institutionen beitragen und die Verständigung fördern könnte."

Weitere Infos zur Tagung "Verkehrte Bilder" erhalten Sie von Ruth Schwarzbauer, Leitung institut für freizeitpädagogik,
Tel. 4000 83 411, eMail: ruth.schwarzbauer@wienXtra.at

Biographische Angaben zu den ReferentInnen

Mag.a Barbara Herzog-Punzenberger studierte Kultur- und Sozialanthropologie an der Uni Wien und erlangte das Postgraduierten Diplom Politikwissenschaft am Institut für Höhere Studien. Sie ist Migrationsforscherin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Lektorin an der Universität Wien und Mitglied des EU-Mgrationsforschungs-Netzwerkes IMISCOE.

Univ-Ass.Lic. Mag. Mouhanad Khorchide wurde als Sohn palästinensischer Eltern im Libanon geboren, wuchs in Saudiarabien auf und lebt seit 1989 in Österreich. Er ist Assistent für Islamische Religionspädagogik am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien, Religionssoziologe, Islamische Religionspädagogische Akademie, Imam.

Bülent Öztoplu wurde in der Türkei geboren und lebt seit 1980 in Österreich. Als Sozialarbeiter war er viele Jahre beim Verein Wiener Jugendzentren(Back on Stage) tätig. Er initiierte den Integrationsverein Echo und die Zeitschrift Echo und war Herausgeber des Multikulturellen Stadtmagazins BIBER. (Schluss) spe

Rückfragen & Kontakt:

PID-Rathauskorrespondenz:
www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Sonja Kohlreiter
wienXtra-PR und Internet
Tel: 01-4000 84 303
E-Mail: sonja.kohlreiter@wienXtra.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK0008