"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Fortsetzung von Natascha K." (Von SABINE STROBL)

Jahrelang währte das Martyrium einer Frau und ihrer Kinder. Jetzt schreit die Öffentlichkeit auf Ausgabe vom 28. April 2008

Innsbruck (OTS) - Das Schicksal von Natascha Kampusch ist noch
lange nicht aufgearbeitet. Schon trifft Österreich ein neuer Fall von Gefangenhaltung. Eine Frau wurde jahrzehntelang von ihrem Vater eingesperrt. Jetzt wurde die 42-Jährige, gealtert sowie körperlich und seelisch ruiniert, befreit. Erst die Zusicherung, ihren Vater nicht mehr sehen zu müssen, brachte sie dazu auszusagen. Es ist eine Chronologie des Schreckens. Sie überlebte 24 Jahre lang im Keller, oftmals gefesselt und missbraucht. Sieben Kinder stammen von ihrem Peiniger, dem Vater. Eines, das nach der Geburt starb, ließ er verschwinden. Die Kinder, die mit ihr in dem ausgeklügelten und elektronisch gesicherten Verlies lebten, sahen das erste Mal Tageslicht. Unvorstellbar, in welch erbärmlichen Zustand sie sind. Sie sind auf immer eines normalen Lebens beraubt.

Der 73-Jährige kam mit unwahrscheinlichen Geschichten jahrelang durch. Er meldete seine Tochter als vermisst und erhielt für drei weitere Kinder aus der inzestiösen Beziehung das Sorgerecht. Ein paar Briefe der angeblich von einer Sekte beeinflussten Tochter haben dafür gereicht. Die Frau des 73-Jährigen wusste nichts vom Martyrium ihrer Tochter und Enkelkinder. Oder sie konnte das Wissen darum nicht ertragen.

Aber auch sonst will niemand etwas bemerkt haben. Obwohl die Kinder, wie sich mittlerweile herausgestellt hat, sehr wohl Auffälligkeiten gezeigt haben. Will niemand mehr etwas mit dem anderen zu tun haben? Bringt Nachfragen Unannehmlichkeiten? Wir sind in einer Gesellschaft der Wegschauer angekommen. Zivilcourage ist selten geworden.

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