Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Eltern, Kinder und Experten"

Ausgabe vom 26. April 2008

Wien (OTS) - Ende gut, alles gut. Nokia hat sich mit dem
Betriebsrat geeinigt: 1800 Nokianer erhalten bei der Schließung des Werks in Bochum 200 Millionen Euro als Abfindung oder Transferhilfe; pro Kopf ergibt das zwischen 10.000 und 220.000 Euro. Damit lässt sich schon manches anfangen.

Ende gut, alles gut? Ganz und gar nicht. Denn gerade diese stolze Summe macht angst und bang. Man muss sie nämlich auch anders herum betrachten: Trotz dieser eindrucksvollen Entschädigung ist es für die Finnen offensichtlich immer noch vorteilhaft, eine moderne Fabrik in Deutschland zu schließen und ein neues Werk in die rumänische Landschaft zu bauen. Sonst täten sie‘s ja nicht.

Da sich das rentiert, muss man aber beklommen fragen: Für welchen Investor rentiert es sich künftig überhaupt noch, auch nur einen Arbeitsplatz in Hochlohnländern wie Deutschland und Österreich statt in Rumänien & Co zu schaffen? Zumal man bei der Entscheidung über komplett neue Arbeitsplätze nicht einmal die zusätzliche Last irgendwelcher Entschädigungen einkalkulieren muss.

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Mehr als 70 Prozent aller jungen Eltern haben sich für das schon länger geltende Langzeitmodell beim Kindergeld entschieden. Das heißt: Die große Aufregung und der ebenfalls nicht völlig zu ignorierende administrative Aufwand rund um die Einführung von Kurzzeitalternativen hing wieder einmal mehr mit dem Gequatsche sogenannter Experten zusammen als mit einer großen Nachfrage.

Damit bestätigt sich auch eine der vielen expertenwidrigen Beobachtungen aus dem wirklichen Leben: Die meisten Eltern (konkret immer noch die Mütter) entscheiden sich für ein relativ langes Zusammensein mit dem Kind. Diese Entscheidung erfolgt freilich in der Regel erst dann, wenn das Kind auf der Welt ist. Zu diesem Zeitpunkt werden so häufig wie plötzlich frühere Prioritäten - Beruf, Karriere etc. - über den Haufen geworfen.

Freilich: Da die Entscheidung für oder gegen ein Kind in der Regel vor dessen Geburt fällt, muss die Gesellschaft trotzdem den in der Vor-Kinder-Zeit beliebten Werte-Trends Angebote machen. Auch wenn nachher weder Kindergeld-Kurzvarianten noch Ganztagshorte für Eineinhalbjährige sonderlich genutzt werden.

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