"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Die gefährliche Arroganz der Macht"

Die Tiroler Landtagswahl könnte der ÖVP die nächste Schlappe bescheren.

Wien (OTS) - Fritz Dinkhauser ist der Meister der Worthülsen. "Aussa aus die Staud’n" ist sein Lieblingsspruch. Er stilisiert sich zum Unbequemen, der ausspricht, was (angeblich) ist. Der Ex-Bobfahrer und Olympiateilnehmer ist ein idealer Darsteller in der Applausdemokratie. Er hat gute Chancen bei der Landtagswahl - und könnte zum Sturz seines Parteikollegen, des Landeshauptmanns Herwig van Staa beitragen.
Der hat sich in seiner Bedrängnis etwas einfallen lassen. Top-Schiedsrichter Konrad Plautz wird hinter ihm die Landesliste der ÖVP anführen. Der pfiffige Plautz erreicht bald die Altersgrenze für Referees. Sein Match wird er nun im Landtag fortsetzen.
Das wäre alles Tiroler Lokalkolorit, wenn es bei der Wahl am 8. Juni nicht um mehr ginge. Die ÖVP steuert wieder in einem ihrer Kerngebiete auf eine Niederlage zu - aus eigenem Verschulden, nicht etwa wegen eines brillanten Rivalen aus einer anderen Partei.
Die Vorgänge in Tirol ähneln in vielem den Ereignissen vor den Wahlen in der Steiermark und in Salzburg. Auch in Tirol macht ein ÖVP-Abtrünniger Furore. Da ist es Dinkhauser, in Graz war es Ex-Landesrat Hirschmann. Der Bruderkrieg in der steirischen Volkspartei war das zentrale Thema des Landtagswahlkampfs 2005. Dazu kamen die Affären Herberstein und Spielberg sowie der Wirbel um den Landes-Energieversorger EStAG.
Auch in Tirol belebte ein Skandal in der landeseigenen Wasserkraftwerke AG (Tiwag) den Wahlkampf. Im März kam heraus, dass ein früherer VP-Landesrat bei der Tiwag einen 18.500-Euro-Konsulentenvertrag bekommen hatte. Nachdem ein Kraftwerksgegner den Sachverhalt publik gemacht hatte, wurde der Vertrag sofort gelöst, "um möglichen Schaden vom Unternehmen abzuwenden".
Der politische Schaden war bereits eingetreten.
Die Ähnlichkeit mit Salzburg besteht in der Person des Landeshauptmannes. In Salzburg regierte bis 2004 Franz Schausberger, Historiker, Autor mehrerer Bücher. Den Wissenschaften näher als dem Volk, spürte er nicht, wie sein Rückhalt in der Wählerschaft schwand.
Auch van Staa ist furchtbar g’scheit, Dr. iur., Dr. phil. Politisch handelt der Machtmensch nicht immer klug; er ist grob, ungeduldig, ungerecht. Für ihn gilt Winston Churchills Wort:
"Ein kluger Mann macht nicht alle Fehler selbst. Er gibt auch anderen eine Chance."
Sachpolitisch hat van Staa eine gute Bilanz. Aber es geht nicht um die Sache, sondern um Personen und Protest. Mit Dinkhausers Antreten ist die absolute Mehrheit der ÖVP im Landtag praktisch weg. Rot-grün plus Dinkhauser ist aber weniger wahrscheinlich als ein anderer ÖVP-Landeshauptmann. Das könnte der derzeitige Innenminister Günther Platter sein, ein gelernter Gendarm aus Zams. Die Lehre (nicht nur) für die Tiroler Volkspartei: Vor der Arroganz der Macht muss man sich hüten. Wer die Bodenhaftung verliert, wird bestraft. Die Wähler wissen, was sie wollen - und was nicht.

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