Papst in den USA: Triumph der leisen Töne

Benedikt XVI. hat der angeschlagenen Ortskirche Glaubwüdirgkeit zurückgewonnen und auf der politischen Ebene die unabhängige Mahnerrolle des Heiligen Stuhls gestärkt -"Kathpress"-Korrespondentenbericht von Johannes Schidelko

New York, 20.4.08 (KAP) Mit seiner USA-Reise hat Benedikt XVI. ein Mal mehr für Überraschungen gesorgt. Ähnlich wie sein Türkei-Besuch im Herbst 2006 war auch diese Reise vor allem da ein Erfolg, wo sie zunächst am schwersten schien. Der Papst hat der nach dem Missbrauch-Skandal angeschlagenen katholischen Ortskirche in den USA Glaubwürdigkeit zurückgewonnen. Und in der internationalen Politik hat er durch sein Gespräch mit US-Präsident George W. Bush, vor allem aber mit seiner Rede vor der UNO die unabhängige Mahnerrolle des Heiligen Stuhls gestärkt. Schließlich hat er durch sein ruhiges und freundliches, im besten Sinne seelsorgliches Auftreten neue Sympathien erworben.

Der amerikanische Wahlkampf verlangte dem Papst besonderes Fingerspitzengefühl ab, um eine politische Instrumentalisierung zu vermeiden. Dennoch war Benedikt XVI. in seinen Aussagen "deutlich":
Er vertraue darauf, dass die Amerikaner ihre Verantwortung für die Welt und insbesondere für Menschen in Not wahrnehmen. Er hoffe, dass das Land auch weiterhin an seinen traditionellen Idealen festhalte. Aber Freiheit bringe auch Verantwortung mit sich, und Demokratie müsse auf Werten gegründet sein, mahnte Benedikt XVI. Im persönlichen Gespräch mit dem Präsidenten wurde er dann konkreter und brachte die Sorgenthemen der vatikanischen Diplomatie zur Sprache: Die schwierige Situation der Christen im Irak und überhaupt im Nahen Osten. Aber auch das heikle Thema der lateinamerikanischen Immigranten in den USA kam zur Sprache. Er mischte sich nicht in Rechts- oder Sicherheitsfragen ein, verwies aber auf das schwierige Los der auseinandergerissenen Familien.

Dominiert wurde der sechstägige Besuch in Washington und New York von den Nachwirkungen des Missbrauch-Skandals. Ungewöhnlich offensiv ging Benedikt XVI. das Problem an: Er zeigte sich zutiefst beschämt und stellte klar, dass Pädophile nicht Priester sein können. Und er legte seinen Drei-Stufen-Plan dar: rechtliches Vorgehen gegen die Täter, pastorale Fürsorge für die Opfer und Prävention. Überzeugender als viele Worte war jedoch die Begegnung mit einer Gruppe von Opfern in der Kapelle der Apostolischen Nuntiatur. Damit ist es Benedikt XVI. besser als seinem Vorgänger gelungen, einen Schluss-Strich unter den schier endlosen Skandal zu ziehen. Zugleich hat er mit dem Treffen Maßstäbe auch für die Bischöfe gesetzt.

Zu einer anderen atmosphärischen Bereinigung trug Benedikt XVI. im christlich-jüdischen Dialog bei. Das neue Fürbittgebet für die Karfreitags-Liturgie nach "altem Usus" hatte jüdische Rabbiner und christliche Theologen irritiert. Benedikt XVI. schob nun ein Treffen mit Juden in Washington und einen Synagogen-Besuch in New York in sein Reise-Programm ein. Die Treffen verliefen freundschaftlich; beide Seiten bestätigten einander Dialogbereitschaft. Von Verstimmung war nichts mehr zu spüren.

Hinter diesem Krisenmanagement trat der eigentliche Anlass der achten Auslandsreise von Benedikt XVI. zunächst zurück: die Rede vor den Vereinten Nationen aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Zu Unrecht. Zwar war die Ansprache weniger spektakulär als die seiner Vorgänger vor dem Weltforum. Aber gerade weil sich der Professoren-Papst nicht auf die Tagespolitik und einzelne Krisenherde von Kosovo bis Tibet einließ, sondern Prinzipien für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit aufzeigte, wurde seine Rede zeitlos aktuell.

Benedikt XVI. hielt ein Plädoyer für die unteilbaren, auf dem Naturrecht beruhenden universalen Menschenrechte. Damit stellte er sich klar gegen eine Aufweichung dieser Prinzipien, wie sie manche islamische Regierung oder auch die Machthaber in Peking gerne sähen. Er bezeichnete sie als Grundlagen für Frieden, Gerechtigkeit und nachhaltige Entwicklung - und wandte sich gegen jede Relativierung. Zudem verlangte er mehr Gewicht für die UNO, die nicht vom Votum einzelner Staaten dominiert werden dürfe - ein Seitenhieb gegen die UN-Politik der Ära Bush.

Neben Krisenmanagement und Weltpolitik hatte die Papstreise aber auch eine Botschaft an die US-Katholiken: eine Botschaft der Hoffnung (das Motto der Visite lautete: "Christ Our Hope") für eine selbstbewusste, multikulturelle Ortskirche mit tief verwurzelter Religiosität. Mit einer Mischung aus Ermutigung und klaren Leitlinien wandte sich Benedikt XVI. an seine Zuhörer. Benedikt XVI. forderte die Gläubigen eindringlich auf, die kirchliche Glaubens- und Morallehre im Alltag zu beachten. Er warnte vor einer Lebenspraxis, die sich mehr am konsumorientierten "American Way of Life" als an den Zehn Geboten ausrichtet. Vielmehr appellierte er an die Gläubigen, in ihrer demokratischen Gesellschaft ihren Glauben zu leben und öffentlich einzubringen.

In der amerikanischen Öffentlichkeit und in den Medien, die ausführlich über den Besuch berichteten, wich anfängliche Skepsis zunehmend dem Respekt für diesen den Amerikanern bis dahin noch eher unbekannten Papst. Es war keine Reise der Massen-Events und der spektakulären Appelle wie bei Johannes Paul II. - eher ein Triumph der leisen Töne. (ende)
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