"Die Presse" Leitartikel: "Wiens Not mit der Euro: Viel PR, wenig Ehrlichkeit" (von Rainer Nowak)

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Wien (OTS) - Die EM-Vorbereitungen in Wien zeigen leider: Es schlägt die Stunde der Goldgräber, nicht der guten Organisatoren.

In der Kategorie Vorbereitungen, die auf die Euro gewartet haben -darf die Maßnahme der Erzdiözese Wien nicht fehlen: In der Fanmeile werden im Juni sogenannte Notfallseelsorger Dienst verrichten. Ihr offizieller Auftrag lautet, verzweifelten Fans Beistand zu leisten. Etwa, weil ihre Mannschaft verloren hat. Oder weil sie gerade die Preise des exklusiven Uefa-Bierbrauers erfahren haben.
Dass ein echter Notfall passieren könnte, hat in der Erzdiözese niemand laut gesagt. Denn das will und darf sich fünf Wochen vor dem Euro-Start niemand vorstellen. Auch die Sicherheitsexperten, die vor der Platzierung der großen und weitum einzigen Fanzone in der Wiener Innenstadt gewarnt hatten, schweigen mittlerweile. Jetzt gibt es ohnehin keine Alternative mehr. Die fachliche Kritik an der City-Zone war übrigens keineswegs jene der erbosten Innenstadt-Bewohner, wonach betrunkene Fans die hübschen Historismus-Bauten in Mitleidenschaft ziehen könnten und durch ihre gut geölten Stimmen Schlaf und Arbeit der guten Städter stören würden, sondern ernsterer Natur: In einem hermetisch abgesperrten Bereich mit wenigen Zu- und Ausgängen, sowie überhaupt keiner Auslauf-Möglichkeit, kann eine Massenpanik nicht nur schneller entstehen, sondern schlimmere Auswirkungen haben. Die Alternativen im Prater (laut Euro-Planern zu nahe am Stadion) oder auf der Donauinsel (zu wenig Sponsoren) wurden verworfen. Interessanterweise war die Donauinsel am Beginn der Planungen gar nicht im Rennen gewesen, weil die SPÖ im Juni 2008 ihr Donauinselfest durchziehen wollte. Den Stadtvätern fiel dann doch auf, dass Euro und Donauinselfest eine zu ambitionierte Logistikaufgabe ist und verschoben ihr Fest auf September. Dank Euro und schlechter Organisation wird es nun ausgerechnet im Juni ruhig auf der Insel. Und die neue offizielle "Not-Variante" in Hütteldorf klingt nicht gerade nach mediterranem Fußballfest.
Die Argumentation aus dem Rathaus für das Fest in der City klingt schlüssig: Wenn die Bilder aus Wien welt-, sicher aber europaweit im TV übertragen werden, müsse man die Party vor den Kulissen der Tourismus-Destination mit ihrem unverwechselbaren k. u. k.-Flair sehen. Bisher dachten wir immer, der Bürgermeister und seine Stadträte seien auf ihre junge Donauinsel, die Donauplatte und die moderne Architektur dort stolz. Ein Irrtum! Die Liebe zu Hofburg, Kunsthistorischem und Burgtheater kommt im Rathaus vermutlich mit dem Alter.
Bevor nun Stenzel und ihre besorgten City-Kaufleute klatschen: Dass während der Euro tausende Fans die Stadt bevölkern und zu einer dreiwöchigen Mischung aus Après Ski, Street-Parade und kollektiver Camping-Party machen werden, ist geplant, gewollt und logische Nebenerscheinung einer solchen Großveranstaltung. Dass das aber fast nur dort und hinter hohen Zäumen über die Bühne gehen wolle, ist nicht weniger schlau.
Den eigentlichen Nutzen für Wien und die anderen Austragungsstätte -in der viel zitierten Nachhaltigkeit und nicht im sofortigen Cashflow - zu kommunizieren, ist schwierig, wäre es aber richtig gewesen. Diese durchzuführen wird nicht unbedingt erleichtert, wenn im Umfeld des Wiener Rathauses bemerkenswerte geschäftliche Vorgänge bekannt werden: Da werden die prestigeträchtigen Räumlichkeiten im Rathaus für VIP-Empfänge um die Spiele vermietet. Und wer hat den Zuschlag für Eröffnungsspiel, Viertel- und Halbfinale und Finale ergattert? Das "Echo-Medienhaus". Dieses Medienhaus gehört der Allgemeinen Wirtschaftsholding (AWH) Beteiligungsgesellschaft m.b.H., die im Besitz des Verbands Wiener Arbeiterheime ist. Dieser Verband hat laut Statut den Zweck, Heime und Lokale jener Organisationen in Wien zu fördern, die "sich zur Sozialdemokratischen Partei bekennen". Um da eine schiefe Optik zu erkennen, braucht man weder eine Brille noch einen Rechnungshofbericht. (Aber in Wien haben sich Bürger, Medien und Nicht-Sozialdemokraten an solche Zustände offenbar schon gewöhnt.)

Wenn dann noch Wiens Hoteliers in genau die gleiche - medial mitaufgebaute - Falle tappen wie ihre deutschen Kollegen vor zwei Jahren und dem überraschten Publikum vermelden, dass die Buchungslage während der EM - logischerweise - doch nicht so rosig wie angenommen sei, bremst das die allgemeine Euphorie ebenfalls ein wenig. Aber vielleicht ist das nicht die einzige Parallele und die EM verläuft in anderer Sicht wie die WM in Deutschland. Wenn schon nicht fußballerisch, dann doch atmosphärisch: Vielleicht kann auch in Österreich wie in Deutschland einfach niemand die Stimmung der Fans verderben. Dafür war sie dort zu gut

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