Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Der Skandal"

Ausgabe vom 19. April 2008

Wien (OTS) - Es ist ein Medienskandal: Die Veröffentlichung von Details über das Sexualleben von Natascha Kampusch während ihrer Gefangenschaft im Gratisblatt "Heute" ist ein Tiefpunkt medialen Sittenverfalls. Bei einer Postille mit oft kolportierter Rathausnähe ist dies zusätzlich beklemmend. Daneben verblassen geradezu die auch nicht eben zarten Andeutungen einer zweiten Gratiszeitung.

Keine Sekunde ist das verkrampfte Argument von "Heute" ernst zu nehmen, dass man dies nur deshalb veröffentliche, um den angeblichen Skandal aufzudecken, dass nicht das ganze Grundstück des Entführers metertief umgeackert worden sei. Als ob das mit einer angeblichen Schwangerschaft Kampuschs zusammenhinge und verlangte, das Opfer in untragbarer Weise an den Pranger zu stellen. Das ebenfalls üble Medienrecht schützt Kampusch kaum besser als Unterweltkönige auf Abkassiertour, die sich in ihrer "Ehre" verletzt fühlen.

Der Skandal hängt zweifellos eng mit dem Griff des Parlaments auf Hunderttausende Seiten geheimer Polizei- und Justizprotokolle über zum Teil sehr persönliche Daten zusammen. Sind diese über eine Partei, über einen Abgeordneten, über einen geldgierigen Parlamentsmitarbeiter an "Heute" gedrungen? Oder war umgekehrt der Sicherheits- oder Justizapparat der Absender, um das Parlament aus Anlass des aktuellen Datenschutz-Konflikts anzupatzen? Alles ist möglich.

Faktum ist nur, dass jene Details solange geheim geblieben waren, als nur wenige Menschen im Innenministerium von ihnen wussten (trotz der Neugier eines geilen Boulevards). Faktum ist, dass aus Politik wie aus Staatsanwaltschaft schon allzu oft Vertrauliches in Medien gelandet ist. Faktum ist, dass Peter Pilz schon in jener Ausgabe von "Heute", in denen die Enthüllungen überhaupt erstmals zu lesen sind, ein Interview dazu gab; und dass er darin nicht etwa den medialen Voyeurismus geißelt, sondern nur die "Vertuschung" (einer Schwangerschaft?) durch das Innenministerium.

Dem Täter wird, wie oft bei solchen Delikten, die Tat nicht nachzuweisen sein. Was nichts am Hauptproblem ändert: Je mehr Menschen und, vor allem, je mehr Politiker Zugang zu vertraulichen Akten haben, umso größer ist die Gefahr von Vertrauensbrüchen. Zum Schaden unbescholtener Bürger.

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