Wiener Zeitung: Unterbergers Tagebuch: "Italien: Ein Nachruf"

Ausgabe vom 16. April 2008

Wien (OTS) - Italiens Wahlen endeten gleich in mehrfacher Hinsicht historisch: Erstens ist die Mehrheit der Regierung so deutlich wie noch nie - was dieser alle Ausreden nimmt. Zweitens kommt Italien auf dem Weg zum Mehrheitswahlrecht flott voran - was auch den Zauderern hierzulande zu denken geben sollte. Und drittens verzichtet Silvio Berlusconi trotz seines kasperlhaften Hangs zu extrovertiertem Populismus auf triumphalistische Gesten, ja er zeigt sogar Zeichen von Demut - was gewisse Hoffnung macht, dass endlich doch einmal eine Regierung die Probleme des Landes ernsthaft angeht.

Noch viel sensationeller als all das ist aber: Die äußerste Linke ist verblichen, sie stellt keinen einzigen Abgeordneten mehr. Das ist in der Tat historisch. Denn Italien hatte jahrzehntelang die größte kommunistische Partei der freien Welt. Diese ist genau dann gescheitert, als sie ein Stück Regierungsverantwortung mitzutragen hatte.

Diese Entzauberung erfolgte parallel zu jener der französischen Kommunisten - also der zweitstärksten KP außerhalb des Moskauer Herrschaftsbereichs. Und als wäre dies der schlechten Nachrichten für die Kommunisten und ihre Freunde nicht genug, beginnt nun in Kuba -nicht nur durch Freigabe der Mobiltelefonie - noch zu Lebzeiten Fidel Castros eine zarte Liberalisierung.

Dennoch sollte man auf der Linken nicht ganz verzweifeln: Feiern doch Nepals Maoisten gerade einen Wahlsieg. Und auch die ORF-Redaktionen sind heute so links besetzt wie noch nie. Die Folgen:
So manche Sendung grenzt an eine Verletzung des Objektivitätsgebots. Und ganz schlagseitig war das Gedenken an die 1968er Unruhen durch ein euphorisches Treffen erinnerungsstolzer und selbstkritikfreier Veteranen (dessen einseitige Wirkung durch Hinzunahme eines skurrilen Schweizers als Schein-Antipoden nur verstärkt worden ist). Freilich sollten auch die ORF-Ideologen ein wenig vorsichtig sein: So wie der italienischen und französischen Linken die Wählerbasis abhanden gekommen ist, könnte das in ähnlicher Weise auch mit der Seherbasis des ORF passieren - siehe das Quotendesaster des letzten Jahres.

Das lässt sich wohl auch dadurch nicht verhindern, indem man in Torschlusspanik noch rasch die letzten Bürgerlichen kaltstellt.

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