"Kleine Zeitung" Kommentar: "John Cage gegen den Schrei der frisch gerissenen Gazelle" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 10.04.2008

Graz (OTS) - Wer jemals allein in der Wüste war, weiß, dass Stille dröhnen kann. Zumindest in den Ohren jener, denen die fortgeschrittene Zivilisation eine permanente Kakophonie an mehr oder minder wertvollen Geräuschen beschert.

Autolärm, Arbeitsgeräusche, Computersummen, Kühlschrankbrummen, Ö3, das Fauchen von Jets, Hintergrundmusik in Restaurants etc. und . . . die Signaltöne der Mobiltelefone und die meist darauf folgenden unüberhörbaren Gespräche ihrer Besitzer.

Unter Ersteren sind die so genannten individuellen Ruftöne die schlimmsten. Während man sich an die unverwechselbare Tonfolge von Nokia zur Not ja gewöhnen konnte, nerven Leute mit Hang zum "Originellen" unerträglich. Sie haben schließlich dafür bezahlt, als Kennung für eintreffende Anrufe das Intro von Beethovens Fünfter, Hase Schnuffel, Marilyn Mansons Heuler oder den Todesschrei einer frisch gerissenen Gazelle aus ihrem Telefon schallen zu lassen. Und das soll bitte jeder erfahren, der in Hörweite ist.

Danach wird man dann wehrloser Ohrenzeuge umständlicher Tischreservierungen, schamloser Lügen, unwirscher Dienstanweisungen, endlosen Liebesgeflüsters, ruppiger Ehekrachs, hartnäckiger Rabattverhandlungen etc. Kurzum, man genießt unverlangte Intimitäten aller Art. - Man könnte manchmal losschlagen!

Nur zur Information: Hier schreibt ein Handy-Nutzer der ersten Stunde. Einer, dessen Telefon selten weiter als eine Armlänge von ihm entfernt ist. Einer, der die fast unbeschreiblichen Vorteile dieser Kommunikationstechnik zu preisen nicht müde wird. Und der sie auch ausgiebig verwendet:

Zum Beispiel ein gut geführtes Telefonverzeichnis, das die Entscheidung über Annahme oder Abweisung des Anruf leichter macht.

Oder die Mobilbox, auf der der Anrufer die Notwendigkeit eines Gespräches erklären kann, bevor dieses tatsächlich stattfindet. Oder eben nicht.

Oder die Vibrationsfunktion, die der Umwelt die vorher genannte Pein erspart.

Oder Nachrichten per SMS, die ebenso rationell wie stilvoll wie romantisch sein können und strikt unter zwei Kommunikationspartnern bleiben.

Oder den Aus-Knopf, um sich und allen anderen Zeit für eigene Gedanken zu erlauben.

John Cage hat 1952 die Komposition 4' 33" geschrieben: viereinhalb Minuten völliger Stille. Manchmal wünscht man sich eine Fernbedienung, mit der man 4' 33" öffentlich aufführen und allen Handy-Terroristen wenigstens kurz das Schandwerk legen könnte. ****

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