DER STANDARD-KOMMENTAR "Noch lange nicht über dem Berg" von Gudrun Harrer

Geht es nach den US-Vertretern im Irak, so wird der Truppenabbau erst einmal gestoppt - Ausgabe vom 9.4.2008

Wien (OTS) - Pech oder Glück? Die Berichte des US-Oberkommandierenden im Irak, General David Petraeus, und des US-Botschafters in Bagdad, Ryan Crocker, vor dem Kongress in Washington kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die Lage im Irak verschwommen ist. Es gibt Fortschritte und Rückschläge.
Vor allem scheint einmal mehr infrage gestellt, was in den vergangenen Monaten von Befürwortern der US-Politik getrommelt wurde:
dass im Irak nur der "internationale Terrorismus", sprich Al-Kaida, niedergerungen werden muss, damit sich die Lage stabilisiert und aus dem Land doch noch annähernd das wird, was die USA mit ihrem Einmarsch 2003 erreichen wollten. Die schweren innerschiitischen Kämpfe haben daran erinnert, was an Konflikten im Irak noch alles möglich ist. Gleichzeitig sind die Errungenschaften noch nicht abgesichert.
Beide, Petraeus und Crocker, sind der Meinung, dass eine zu rasche Rückgängigmachung des "surge", der Aufstockung der US-Truppen im Jahr 2007, die ab Sommer 2008 wieder abgebaut werden soll, gefährlich sein könnte.
Pech ist der diffizile Zeitpunkt deshalb, weil die jüngsten Entwicklungen empfindlich die Bilanz anpatzen, die zum fünften Jahrestag der US-Invasion deutlich besser ausgefallen war als in den Jahren davor. Glück oder zumindest eine gute Seite für Petraeus und Crocker könnte er haben, weil sich leichter argumentieren lässt, dass der Irak noch lange nicht auf eigenen Beinen stehen kann.
Nicht, dass dieses Argument der republikanischen US-Regierung im Kongress viel nützen würde: Die aktuelle Verschlechterung der Sicherheitslage - immerhin sind die Angriffe allein in Bagdad von durchschnittlich neun pro Tag wieder auf 23 angestiegen - ist für die Demokraten höchstens ein Beweis mehr dafür, dass sich die ungeheuren Menschen- und Materialkosten nicht lohnen. Nach ihrer Meinung hat die irakische Regierung die Chance vor allem auch politisch nicht genützt und wird sie weiterhin nicht nützen.
Und wenn andererseits die Lage so dramatisch besser wäre, wie es manche republikanischen Kreise gerne präsentieren, dann scheint für die Demokraten eine rasche Truppenreduzierung umso plausibler.
Die Wahrheit ist, dass auch weniger ideologisch vernebelte Prognostiker wie die, die im Weißen Haus sitzen, sich im Moment besonders schwertun. Die Erfolge gegen Al-Kaida sind unbestritten, aber eben nur eine Seite der Medaille. Der innerschiitische Konflikt, der seit langem schwelt, ist voll ausgebrochen und lässt die Illusion jener - auch im US-Kongress vertretenen - Fraktion zusammenbrechen, dass eine Teilung des Irak Frieden bringen könnte.
Niemand weiß genau, was der junge Schiitenführer Muktada al-Sadr, der einmal mehr die Agenda bestimmt, wirklich vorhat. Die Bilanz des Versuchs der irakischen Regierung von Premier Nuri al-Maliki, Sadr in den Griff zu bekommen, fällt sehr gemischt aus. Hatte US-Präsident George Bush das Vorgehen der irakischen Truppen gegen Sadrs Mahdi-Armee in Basra vor kurzem noch als entscheidende Wende gepriesen, so müssen US-Offizielle jetzt zugeben, dass die Offensive "kein voller Erfolg" war, wie es Tony Fratto, Sprecher des Weißen Hauses, formulierte.
Das trifft die USA deshalb so hart, weil es an einer weiteren angeblichen Erfolgsgeschichte kratzt: des Aufbaus einer regierungsloyalen nationalen irakischen Armee. Seriöse US-Medien wie New York Times, Washington Post und Los An_geles Times berichten schonungslos über die hohe Desertionsquote der irakischen Sicherheitskräfte beim Kampf um Basra.
Und die Wahrheit ist, dass die Mahdi-Armee dort unbesiegt blieb. Sie zog sich erst auf Aufforderung Sadrs zurück - nach Verhandlungen zwischen Vertretern Malikis und Sadrs. Dass diese Verhandlungen vom Iran gesponsert wurden, ist einmal mehr der Beweis, wo im Irak der Barthel den Most holt. Da nützen auch Petraeus’ Klagen über die Rolle des Iran im Irak nichts.

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