Wiener Zeitung: Andreas Unterbergers Tagebuch

Das System bleibt krank

Wien (OTS) - Die Kollektivvertragsverhandlungen scheitern. Ein vertragsloser Zustand tritt ein. Darauf schließen Arbeitgeber mit einzelnen Arbeitern, die dringend Arbeit brauchen, Verträge. Zu ihren Bedingungen.

Ist es im Sozialpartnerstaat überhaupt denkbar, dass so etwas passiert? Nun, genau das schlagen die Sozialpartner selbst vor, freilich in Hinblick auf das Gesundheitssystem - man muss nur im ersten Absatz statt "Arbeiter" das Wort "Ärzte" einsetzen.

Haben die Sozialpartner mit dem Erfolg, der ihnen mancherorts für ihr Gesundheitspapier zugeschrieben wird, also selbst ihren Marsch in die Bedeutungslosigkeit ausgelöst? Auch wenn das weit hergeholt klingen mag: Wirtschaftskammer und Gewerkschaft rütteln an einem Eckpfeiler der österreichischen Sozialverfassung. Was gegenüber den Ärzten plötzlich denkbar geworden ist, kann künftig anderswo nicht mehr ganz undenkbar sein.

Was aber bedeutet dieser Vorschlag sonst? Manches darin klingt sinnvoll, etwa die Einsparung bei den Medikamenten: Die Ärzte sollen nur noch den Wirkstoff, nicht aber auch die Marke aussuchen dürfen (was sie um schöne Einladungen der Pharma-Industrie bringen wird). Den Rest erledigen die Apotheker möglichst sparsam. Freilich wird hier eines vergessen: Der Glaube des Patienten an ein Medikament ist oft schon die halbe Heilwirkung, wie viele Studien zeigen. Geht diese Placebo-Wirkung verloren, dann könnte die Einsparung am Ende sogar zu einer Verteuerung mutieren.

Die größten Vorwürfe an das Sozialpartner-Papier lauten aber: Es bewirkt eine Verschiebung der Kosten ins Spital (für das die Sozialpartner nicht haften), wo jedoch jeder Handgriff viel teurer ist als in der Ordination. Man steuert wieder einmal nicht die Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer einzigen Hand an. Man verzichtet weiterhin auf die überflüssige Behandlungen reduzierende Lenkungswirkung eines generellen Selbstbehalts. Und bei den Sozialversicherungen bleibt die (für Sozialpartnerfunktionäre schöne Posten schaffende) Vielzahl der Institute, aber es gibt trotzdem auch künftig keinen (die Kosten senkenden und die Qualität hebenden) Wettbewerb unter den Versicherungen. Warum dann also die Vielzahl?

Das Ganze ist bestenfalls der erste Schritt auf einem noch sehr, sehr langen Weg.

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