"Kleine Zeitung" Kommentar: "40 Jahre Machtspiele um das Gesundheitssystem sind genug" (von Johannes Kübeck)

Ausgabe vom 05.04.2008

Graz (OTS) - Ein Gesundheitssystem sollte sicherstellen, dass Patienten zum richtigen Zeitpunkt und an der richtigen Stelle die richtige Lösung erhalten. Das in der Praxis klug umzusetzen ist natürlich nicht einfach. Bei uns geht das System aber besonders seltsame Wege. In ihm ist wichtig, welches Parteibuch ein Primar hat, aus welcher Gewerkschaft ein Kassensekretär kommt, wessen Schwager eine Kassenplanstelle erhält und welche Funktion ein Pharma-Manager anstrebt.

Doch davon ist natürlich nicht die Rede, wenn jetzt wieder einmal ein Anlauf zur Reform des Gesundheitssystems unternommen wird. Die Sozialpartner bereiten ein Papier vor, die Ministerin und die Gremien werden es beraten, die Ärzte und Apotheker werden protestieren, die Pharmaindustrie wird Kampagnen finanzieren - und es wird sich für die kranken wie die gesunden Österreicher nichts ändern.

So wurde schon der Pflegeskandal in Wien-Lainz ausgestanden und der Überstundenwahn bei den Spitalsärzten ignoriert. Missstände im Gesundheitsbereich häufen sich von vermeidbaren Kunstfehlern bis zur Verführung von Ärzten durch die Pharmafirmen. Die Gesundheitsministerin hat ein Herz für Raucher und Schweinsbraten-Esser, doch das Wort Pflege haben sie und die übrigen Verantwortlichen schon seit Wochen nicht mehr in den Mund genommen.

Während das ganze System jeden Tag ein bisschen mehr kollabiert, bezeichnen die Verantwortlichen es unverdrossen als eines der besten der Welt. Befunde von außen werden sorgsam verschwiegen. Etwa jener der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, der die Undurchschaubarkeit und die Dominanz von Eigeninteressen von Körperschaften und Verbänden anprangert sowie schwere Mängel bei der Qualitätsbewertung oder bei der Gesundheitsvorsorge rügt. Der Bericht stammt aus dem Jahr 1969, den Befund hat die WHO in den fast 40 Jahren seither nicht ändern müssen. Österreich habe ein eminenzbasiertes Gesundheitssystem, lautet ein anderer der Befunde aus berufenem Munde.

Pflichtversicherte und Steuerzahler geben 27 Milliarden Euro im Jahr aus, aber alle Strukturerhalter rufen laustark aus ihren Glaspalästen heraus, es sei zu wenig Geld da. Geht es um die Menschen, die darin täglich arbeiten, ist das Gesundheitssystem nicht krank.

Nur seine auf Machtspielen aufgebauten Strukturen sind es. Das ist ein Befund, der wirklich Anlass zu Sorge gibt. Das Reformpapier der Sozialpartner wird daran zu messen sein, ob es dafür ein Mittel enthält. ****

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